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Politisches Beben im Schloss Bellevue: Wulff ist Geschichte

Politisches Beben im Schloss Bellevue: Wulff ist Geschichte

63 Tage hat sich die Affäre Wulff hingezogen. Nun hat der Bundespräsident ein Einsehen und verlässt das Amt. Das Berliner Schloss Bellevue und Deutschland erleben einen denkwürdigen Tag.


Berlin. Für besondere Anlässe bietet das Schloss Bellevue auch besondere Säle. Salon Luise und Salon Ferdinand zum Beispiel für hochkarätige Begegnungen, oder den prächtigen Langhanssaal, den Horst Köhler vor gut zwei Jahren für seine kurze Rücktrittserklärung wählte. Um 10.57 schließen sich in Bellevue die Türen des Großen Saals. Er wird an diesem Freitag zum Epizentrum eines politischen Bebens, das die Republik erschüttert.
Für wenige Minuten wird es ganz still unter den gut 100 Journalisten, Kameraleuten und Fotografen, die aus allen Richtungen herbeigeeilt sind, seit um 8.48 Uhr vom Präsidialamt eingeladen wurde: "Christian Wulff wird um 11.00 Uhr in Schloss Bellevue eine Erklärung abgeben."
Kein Händehalten


Dann kommen sie. Die Blitzlichter rattern los. Ja, Ehefrau Bettina ist an seiner Seite. Anders als am 22. Dezember, als Christian Wulff im gleichen Raum schon einmal eine Erklärung zur Affäre abgab, aber sagte, dass er weitermachen wollte. Jetzt ist allen klar: Christian Wulff wird zurücktreten.
Sie halten keine Hände, suchen keine Nähe. Nicht so wie die Köhlers. Während ihr Mann spricht, bemüht sich Bettina Wulff, in Schwarz gekleidet, leicht zu lächeln. Sie blickt aber kaum zu ihm, gut ein Meter trennt sie. Sieben Minuten spricht Wulff, mit fester Stimme, ruhig. Was der Präsident zu sagen hat, ist frei von Unrechtsbewusstsein. Und es ist auch eine Abrechnung. Er sei davon überzeugt, dass die anstehende rechtliche Klärung "zu einer vollständigen Entlastung führen wird", betont der Niedersachse. "Ich habe Fehler gemacht, aber ich war aufrichtig." Und er fügt hinzu: "Die Berichterstattungen, die wir in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, haben meine Frau und mich verletzt." Endlich schaut sie jetzt einmal zu ihm. Dann geht das Paar. Stocksteif. Sie leicht voraus. Wieder kein Kontakt. Die Flügeltüren schließen sich.
Christian Wulff, der zehnte Präsident der Bundesrepublik Deutschland, ist Geschichte.
Eine neue beginnt in dieser Sekunde: die seines Nachfolgers. Die des politischen Gerangels um einen neuen Namen. Es ist 11.05 Uhr, Christian Wulff hat noch nicht mal geendet, als schon eine Erklärung des SPD-Fraktionsgeschäftsführers Thomas Oppermann in die Redaktionen gemailt wird: "Es darf keinen parteipolitischen Alleingang geben." Um 11.32 Uhr tritt im Kanzleramt Regierungschefin Angela Merkel vor die Presse. Sie hat gewusst, dass der Ruf nach einem gemeinsamen Kandidaten jetzt kommen würde. Dass sie ihm folgen und mit der Opposition einen gemeinsamen Kandidaten finden will, ist ihre erste Grundentscheidung nach dem Rücktritt. Christian Wulff war ihr Bundespräsident, so wie Horst Köhler ihre Wahl war. Zwei Staatsoberhäupter in nur zwei Jahren hat die Kanzlerin verloren, das ist eine bemerkenswerte Quote. Da ist Bescheidenheit angemessen. Fragen sind nach Merkels Auftritt nicht zugelassen.
Als die Kanzlerin sich wieder abwendet und zum Fahrstuhl geht, begegnet sie einer Besuchergruppe und entdeckt ein Kind mit Teddy im Arm. Merkel beugt sich herunter, sie tätschelt kurz das Kind. Ihr vor den Kameras noch so bedrückter Blick ist wie weggeblasen. Das Leben geht weiter.