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Bei Gelbsucht herrscht Alarmstufe Rot

Surgery, Surgeon, Surgical Mask.
Surgery, Surgeon, Surgical Mask. FOTO: (85284029)
Bösartige Tumore der Bauchspeicheldrüse und der Gallenwege kündigen sich häufig schmerzfrei an

Es gibt Themen, über die schweigen sich die meisten Menschen gerne aus. Das ist nicht weiter verwunderlich, eignet sich die Beschaffenheit des eigenen Stuhls doch ebenso wenig für eine entspannte Konversation, wie die Farbe des Urins. Diese Scham wäre nicht weiter schlimm, bliebe man alle Zeit gesund und die Ausscheidungen unauffällig. Ist dies nicht mehr der Fall, ist Schweigen nicht mehr Gold und stattdessen Reden angesagt.

Dr. Heinz Kirchen ist Leitender Oberarzt der Inneren Medizin I und Leiter des Onkologischen Zentrums am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier. Für ihn und sein Team ist es oft von großer Bedeutung zu erfahren, ob sich der Stuhl entfärbt hat oder der Urin des Patienten leicht bräunlich bis bierfarben den Körper verlässt. Beides könnten Anzeichen für eine bösartige Erkrankung sein und auf Bauchspeicheldrüsenkrebs hindeuten. Zwar zählt das Pankreaskarzinom mit etwa drei Prozent aller Krebserkrankungen zu den selteneren Tumorarten, vor allem im Vergleich zu Lungen- oder Brustkrebs, erläutert Professor Dr. Detlef Ockert. Doch der Chefarzt der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie des Brüderkrankenhauses gibt auch zu bedenken, dass es sich um einen besonders bösartigen Krebs handelt.

Symptomatisch für diesen Tumor ist, dass er meist mit kaum oder gar nicht spürbaren Beschwerden daherkommt und die Symptome anfangs eher unspezifischer Natur sind, erläutert Heinz Kirchen. Soll heißen: Der Krebs schleicht sich schmerzfrei an. Weil Anzeichen wie Übelkeit, Druck im Oberbauch oder länger anhaltende Appetitlosigkeit einigermaßen diffus sind und auch auf allerlei andere, meist harmlosere Leiden hinweisen können, fällt der Verdacht oft nicht auf Anhieb auf ein Pankreaskarzinom.

Diagnostischer Handlungsbedarf ist jedoch spätestens dann gegeben, wenn es zu einer Gelbsucht kommt, sich Haut und Augen des Betroffenen also gelblich färben. Der Ikterus wie auch andere unübersehbare Anzeichen wie unnatürliche Färbungen von Urin oder Stuhl, sollten jeden dazu veranlassen, umgehend seinen Arzt aufzusuchen. Dieser kann mithilfe eines Ultraschalls der Ursache auf die Spur kommen und wird im Zweifel an einen Radiologen weiterverweisen.

Diagnostik mit bildgebenden Verfahren

Denn bildgebende Verfahren sind bei Bauchspeicheldrüsenkrebs der gängigste Weg der Diagnostik, wobei es nicht selten notwendig wird, nach und nach unterschiedliche Techniken einzusetzen, um den Erkrankungsherd zu orten. Ein Tumor, der sich mit einem CT nicht nachweisen lässt, kann im MRT sichtbar sein - oder umgekehrt. Bisweilen reicht auch ein Ultraschall. Ist der Tumor lokal begrenzt, gilt er als operabel. Die Operation ist heute die einzige Therapie, die den Bauchspeicheldrüsenkrebs wirksam bekämpfen kann. Heute können auch Tumore mit Gefäßbeteiligung operiert werden. Gelingt es, den Erkrankungsherd rückstandsfrei zu entfernen, empfiehlt Kirchen eine anschließende Chemotherapie. Diese soll sicherstellen, dass womöglich bereits in den Körper gestreute Mikrometastasen zerstört werden und ihnen so die Möglichkeit genommen wird, neues Unheil anzurichten, erläutert der Onkologe.

Haben sich beim Patienten jedoch bereits Metastasen gebildet, etwa in der Leber, wird in aller Regel nicht mehr operiert, erklärt Ockert. Bei rund 60 Prozent der Patienten sei dies zum Zeitpunkt der Diagnose bereits der Fall, führt er weiter aus. Lässt sich der Tumor aufgrund seiner Lage, Größe und Struktur oder Metastasen nicht mehr operieren, kommt ebenfalls eine Chemotherapie zum Einsatz. Diese hat indes einen eher palliativen Charakter, betont Kirchen. Im Klartext: Wirklich heilen lässt sich der Pankreaskrebs in letzter Konsequenz bis heute nicht, macht der Mediziner den Betroffenen und ihren Angehörigen keine Illusionen. Zugleich ergänzt Kirchen aber: "Wir können mit unseren Therapien aber mitunter das Wachstum des Tumors bremsen und so das Leben vieler Patienten verlängern und hierbei auch deren Lebensqualität verbessern helfen."

Warnhinweise ernst nehmen

Dass in punkto Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie bei Karzinomen der Gallenblase und Gallenwege keinerlei wirkliche Vorsorgeuntersuchungen und auch kaum Möglichkeiten der Früherkennung existieren, macht die Herausforderung für alle Beteiligten noch größer. Ockert und Kirchen appellieren deshalb an Patienten, mögliche Warnhinweise ernstzunehmen und sich im Zweifel untersuchen zu lassen. Es geht nicht darum, unbegründete Ängste zu schüren, zumal hinter vielen der unspezifischen Symptome meist weniger gefährliche Erkrankungen stecken. Doch wie bei allen Tumorarten gelte auch für diese letztlich unheilbaren Karzinome: je früher diese entdeckt werden, desto besser lässt sich ihnen noch zu Leibe rücken; und desto größer sind auch die Aussichten, dem Patienten noch ein möglichst langes Leben mit möglichst hoher Lebensqualität zu ermöglichen.

Welche Behandlung im Einzelfall zum Einsatz kommt, wird von einem interdisziplinären Team im Rahmen der regelmäßig tagenden Tumorkonferenz besprochen. Vertreter unterschiedlicher Fachrichtungen sind hierbei mit von der Partie, von Radiologen über Pathologen bis Onkologen und Chirurgen. "Wir brauchen alle, um besonders in schwierig gelagerten Fällen für den Patienten die für ihn bestmögliche Behandlung empfehlen und durchführen zu können", erklärt Kirchen. Wer an einer derart bösartigen und komplexen Krebserkrankung wie jener von Gallenwegen oder Bauchspeicheldrüse leide, ist in einem Onkologischen Zentrum wie das des Brüderkrankenhauses in den besten Händen, betont der Onkologe.
Gallenblasenkrebs und Krebs im Gallengang sind noch seltener als der der Bauchspeicheldrüse. In einer Stadt von der Größe Triers gibt es jährlich allenfalls 5 bis 7 Neuerkrankungen, beziffert Ockert. Auch bei diesem Karzinom sind die ersten Symptome diffus, bis sich die Krankheit in Form einer Gelbsucht zeigt. Hat sich der Tumor in der Gallenblase gebildet, wird er häufig erst im Zuge eines Zufallsbefundes entdeckt, etwa bei einer Gallen-OP; anders als bei einem Karzinom im Gallengang, der mit einer Gelbsucht einhergeht, weil der Tumor der Gallenflüssigkeit den Weg versperrt und die Galle so in die Leber zurückfließt und schließlich in den Blutkreislauf gelangt.

Über die Möglichkeiten der Chirurgie entscheidet auch die Lage des Tumors. Dank neuester Techniken wie beispielsweise winzigen Babyscopen, lässt sich der gesamte Gallengang bis zur Leber mittels Spiegelung inspizieren. So ist eine zweifelsfreie Abklärung des Befundes heute besser denn je möglich. Doch die beste Technik ersetzt nicht, worauf es bei solch seltenen und schwierigen Krankheitsbildern auch entscheidend ankommt: "Man braucht als Arzt sehr viel Erfahrung", sagen Kirchen und Ockert unisono.