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Wenn der Schmetterling unter den Organen aus dem Gleichgewicht gerät

Großer Andrang bei Informationsveranstaltung zur Schilddrüse im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier

Schmetterlingsförmig wirkten die Umrisse des winzigen Organs, den Flügeln eines Schmetterlings ähnelnd verfüge die Schilddrüse über zwei Lappen, erklärte Dr. Erich Jochum, Leitender Oberarzt der Abteilung für Innere Medizin II. Wer noch Zweifel an diesem Vergleich hegte, wurde wenig später von Dr. Kim Biermann wohl endgültig überzeugt: Der Nuklearmediziner zeigte die mittels einer Szintigrafie gemachte Aufnahme einer Schilddrüse. Farbenfroh und tatsächlich einem Falter gleichend erschien das kleine Organ nun auf der großen Leinwand.

Während Schmetterlinge die Welt ein wenig bunter machen, kann die Schilddrüse dem Menschen das Leben schon mal verleiden; dann, wenn es zu Fehlfunktionen kommt. Rund 20 Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen, bezifferte Jochum, und auch ein Blick in den voll besetzten Albertus-Magnus-Saal führte vor Augen, wie groß die Zahl derer sein muss, die mit dem kleinen Organ zu kämpfen haben: Mehr als 200 Menschen kamen zu der vom Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier ausgerichteten Veranstaltung. Professor Dr. Detlef Ockert, Chefarzt der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie moderierte die Vorträge und Fragen interessierter Besucher.

Jochum unterstrich zu Beginn die Schlüsselfunktion der Schilddrüse: Diese leiste die zentrale Stoffwechselsteuerung für den menschlichen Organismus und sorge für ein Gleichgewicht im Körper. Die Regulation der Schilddrüsenfunktion funktioniere ähnlich wie bei einem Heizkörperthermostat. Gerät das außer Kontrolle, liegt also eine Über- oder Unterfunktion vor, zieht dies die unterschiedlichsten Symptome nach sich; darunter Schlaflosigkeit ebenso wie anhaltende Müdigkeit. Aufgrund der oftmals diffusen Symptomatik mancher Leiden kommt die Schilddrüse als Auslöser unzähliger Beschwerden in Betracht - was noch nicht heißt, dass sie die Quelle allen Übels ist.

Internist Jochum wies darauf hin, dass in sehr seltenen Fällen Kinder ohne Schilddrüse oder mit einer massiven Unterfunktion dieses Organs zur Welt kommen. Unbehandelt habe dies gravierende Folgen, doch werde heute spätestens am dritten Lebenstag ein Screening vorgenommen und der für die Funktionsweise der Schilddrüse maßgebliche TSH-Wert bestimmt. Zeige dieser Auffälligkeiten, werde durch die Gabe von Schilddrüsenhormonen frühzeitig gegengesteuert.

Zur Behandlung der Schilddrüsenunterfunkton sind seit 1926 entsprechende Präparate auf dem Markt, in den meisten Fällen lässt sich eine Unterfunktion der Schilddrüse so erfolgreich regulieren. Um einer Erkrankung vorzubeugen, empfahl Jochum eine gesunde und ausgewogene Ernährung, zu welcher der regelmäßige Verzehr besonders jodhaltigen Seefischs zähle. Weil Jod der entscheidende Impulsgeber für die Bildung der Schilddrüsenhormone ist und ein Mangel dieses Spurenelements als wichtigster Grund für eine Vergrößerung des Organs bis hin zur Bildung eines Kropfes gilt, sollte der chronischen Unterversorgung des Körpers durch die zusätzliche Verwendung von jodiertem Salz begegnet werden. Der erwachsene Mensch benötigt etwa 200 mikrogramm Jod am Tag, Schwangere und stillende Mütter noch mehr.

Um die Bedeutung von Jod für die Funktion der Schilddrüse ging es auch im Vortrag von Dr. Kim Biermann. Als einer der beiden ärztlichen Leiter der Sektion Nuklearmedizin im Zentrum für Radiologie, Neuroradiologie, Sonographie und Nuklearmedizin erläuterte er ein hochspezialisiertes Verfahren in der Diagnostik, wie es im Brüderkrankenhaus zum Einsatz kommt: die Szintigrafie. Hierbei wird eine schwach radioaktive Substanz in die Vene injiziert. Das verursache keinerlei Nebenwirkungen, versicherte Biermann, biete aber die Möglichkeit, besonders aussagekräftige Aufnahmen der Schilddrüse zu machen.

So zeigt die radioaktive Substanz nach etwa 20 Minuten den Jodstoffwechsel in der Schilddrüse an. Mithilfe der Aufnahmen, die in erster Linie zur Abklärung von Knoten oder den Ursachen einer Schilddrüsenüberfunktion genutzt werden, kann der Mediziner erkennen, ob eine Veränderung bedenklich ist und eine weiterführende Abklärung und Therapie vonnöten sind. Anders als bei MRT oder CT bereitet eine Szintigrafie dem Patienten wenig Umstände: Er muss sich lediglich fünf Minuten vor eine Kamera setzen. "Er muss also nicht in die Röhre", erklärt Professor Dr. Winfried A. Willinek, Chefarzt des Zentrums für Radiologie, Neuroradiologie, Sonographie und Nuklearmedizin den wesentlichen Unterschied. Für viele der Betroffenen bedeute dieser Verzicht auf die Röhre schon eine wichtige emotionale Entlastung, weiß Willinek.

Bei vielen Menschen finden sich Knoten in der Schilddrüse, doch diese seien in aller Regel gutartig, betonte Biermann. Gleichwohl müsse im Zweifelfall abgeklärt werden, ob nicht doch eine bösartige Veränderung vorliegt. So untersucht der Nuklearmediziner zunächst, ob es sich um einen "heißen" oder "kalten" Knoten handelt, ob also im Bereich der Veränderung des Gewebes mehr Hormone als üblich produziert werden oder weniger bis gar keine. Hier kommt die Szintigrafie zum Zug: Die injizierte und schwach radioaktive Substanz wandert über das Blut in die Schilddrüse und wird dort von der Kamera erkannt. Sammelt sie sich in einem Bereich des Organs vermehrt an, erscheinen diese Areale in gelben und roten, sprich warmen Farben. Tritt nur wenig dieser Substanz auf, sind diese Bereiche in blauen und violetten Farben abgebildet und muten als eher "kalt" an. Bei optimal arbeitenden Schilddrüsen erscheint die Aufnahme der Szintigrafie wie die Darstellung eines farbenfrohen und wohlgeformten Schmetterlings, und so lieferte Biermann den Besuchern auch eine Art Beweisfoto für Erich Jochums eingangs vorgenommenen Falter-Vergleich.

Kalte Knoten sind häufiger als heiße und können auf einen bösartigen Befund hinweisen. Mit einem noch spezielleren Verfahren, der MIBI-Szintigraphie, lässt sich die Diagnose weiter vertiefen und klären, ob Handeln angesagt ist. Für manche der Patienten führt dann an einer OP kein Weg mehr vorbei, so Dr. Fadie El Odeh. In seinem Vortrag beantwortete der Oberarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie die Frage, wann die Schilddrüse operiert oder sogar komplett entfernt werden sollte. Klagt der Patient infolge der Schilddrüsenvergrößerung über Symptome wie Atemnot, Schluckbeschwerden oder permanentem "Frosch im Hals", sei die Chirurgie meist ebenso gefragt wie bei einem ernsthaften Krebsverdacht nach einer Punktionsuntersuchung. Dank der modernen Möglichkeiten der "Schlüsselloch-Chirurgie" lässt sich ein immer größerer Teil der Eingriffe immer schonender durchführen, berichtete Fadie El Odeh. Insbesondere auch deshalb, weil der Chirurg durch moderne Geräte während der OP unterstützt wird. So kann z. B der Stimmbandnerv nach seiner Darstellung ständig auf seine Funktion geprüft werden. Des weiteren helfen bestimmte Verschweißungsgeräte und Clips die OP nahezu blutungsfrei durchzuführen. "In erfahrenen Händen ist die Schilddrüsenchirurgie dann ein komplikationsarmer Eingriff", so Fadie El Odeh.