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Streif-Haus in Weinsheim: Jörg-Achim Vette hört als Geschäftsführer auf

Unternehmen : Jörg-Achim Vette hört als Geschäftsführer bei Streif in Weinsheim auf

Von Januar an nur noch Gesellschafter: Jörg-Achim Vette, vor mehr als 20 Jahren als Sanierer zu den Fertighausbauern bei Streif in Weinsheim gekommen, gibt den Chefposten ab. Dem Unternehmen geht es, trotz Corona, besser als je zuvor.

„Höchste Kompetenz“, „Beliebtester Anbieter“ – auch im (ab-) laufenden Jahr haben die Weinsheimer Fertighaushersteller von Streif wieder einige Auszeichnungen gebunkert. Es werden wohl die letzten sein, die Jörg-Achim Vette als Geschäftsführer entgegennimmt: Wie der TV bereits kurz meldete, wird der 61-Jährige zum Jahresende seinen Posten verlassen. Gesellschafter aber bleibt er. Das heißt: er ist nicht ganz draußen, sondern wird sich jetzt vor allem ums Strategische kümmern. „Ich mache den Wechsel vom Kapitän zum Lotsen“, sagt Vette.

Und wo soll es hingehen? In neue Geschäftsfelder, zu neuen Zielgruppen. Zum Beispiel? Der ländliche Raum, sagt Vette, sei noch längst nicht abgedeckt, nachdem man bisher vor allem „in den Ballungszentren und den Speckgürteln“ Geschäfte mache. Aber auch in den Städten soll es weiter gehen: Dort werde immer mehr Wohnraum gebraucht, viele bestehende Miethäuser, aber auch andere Gebäude, müssten deswegen aufgestockt werden. „Das ist ein Riesenmarkt.“ Außerdem habe man gerade ein Unternehmen für Objektbau gegründet: Kindergärten, Schulen – auch dort will Streif einsteigen.

Sie können es sich leisten: Die Unternehmensgruppe, zu der neben Streif auch der Hersteller Schwabenhaus in Bad Hersfeld gehört (im Jahr 2005 übernommen), verzeichnet eigenen Angaben zufolge 2020 etwa 160 Millionen Euro Umsatz (davon etwa 85 Millionen bei Streif), eine erneute Steigerung. Bis Ende Dezember, sagt Vette, werde man wohl 700 Verträge gezeichnet haben. „Wir sind in den Top Fünf der Branche. Und da wollen wir nicht stehen bleiben.“

Starkes Ergebnis – und das alles im Jahr der Pandemie: Man habe früh umgestellt, sagt Vette, „Home Office, wo immer es ging“, im Betrieb wurde Schichtarbeit eingeführt, die Vertriebsleute berieten auf Distanz,  also am Bildschirm, nur die Verträge wurden dann nicht virtuell unterzeichnet. Vette: „Das ist uns außerordentlich gut gelungen.“

Und zeigt, dass sich die Anstrengungen der vergangenen Jahre gelohnt haben: 2017 investierte man in Weinsheim zwölf Millionen Euro, unter anderem in die Produktion und die neue Verwaltung. Und man stärkte den Vertrieb mit neuen Mitarbeitern und Standorten. Heimarbeit – das gilt übrigens auch für Vette. Seit März sitzt er im heimischen Minden und regelt von dort, was zu regeln ist, seinen Eifeler Haushalt hat er bereits aufgelöst, auch wenn er noch etwa einmal im Monat herkommt. Das will er auch in Zukunft tun, zumal er mit seinen Eifeler Freunden weiterhin zusammen kochen und musizieren will. Wobei die eine oder andere Gitarre vielleicht ohnehin hier bleiben wird: Im Haus in Minden, sagt er, werde es langsam eng.

Streif ist ein Unternehmen mit langer Tradition. Sie begann in Hessen, vor mehr als 90 Jahren: Gründer Josef Streif meldete 1929 in Frankfurt einen Betrieb für Schalungsbau an. Seit 1964 baut die Firma Fertighäuser, seit 1970 entstehen sie in Weinsheim. Im Jahr 1981 übernahm die Hochtief AG das Eifeler Unternehmen, das Ende der 90er Jahre in eine Krise rutschte. Hochtief holte Vette als Sanierer.

Von den damals 568 Mitarbeitern wurden etwa 300 entlassen. Aber die Geschäfte stabilisierten sich, und Vette tat etwas Überraschendes: Er blieb im Unternehmen, zunächst noch gemeinsam mit der Parter GmbH, kaufte aber 2003 die Mehrheitsanteile. Warum? Er sei nicht einverstanden mit dem geplanten Kurs der anderen Gesellschafter gewesen. „Ich hatte Sorge, dass alles wieder kaputtgeht.“ Also übernahm er, auch wenn ein Sanierer normalerweise nach getaner Arbeit wieder verschwinden müsse: „Weil er so viel verbrannte Erde hinterlässt.“

Streif stieg damals aus dem Manteltarifvertrag aus, wie Günther Telkes sagt, der stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrats. Das Thema bringe man jedes Jahr aufs Tapet – bislang ohne Erfolg.

Aber Telkes sagt auch: Vette sei jemand, mit dem man reden könne. Und: „Er hat in schwierigen Zeiten den Laden übernommen, als der Betrieb auf der Kippe stand. Und man sieht ja, dass es bergauf ging.“ Das sei Vettes Verdienst. „Und der Belegschaft natürlich, weil sie mitgezogen hat.“

Streif hat heute wieder mehr als 300 Beschäftigte. Die Weinsheimer erhielten mehrere Male die Auszeichnung „Fairster Fertighaus-Anbieter“ von der Zeitschrift Focus Money. Außerdem wurden die Streif-Häuser, als erste in Deutschland, mit dem TÜV-Siegel ausgezeichnet, das ihnen bescheinigt, für Allergiker geeignet zu sein.

Nach Vettes Ausstieg wird das Unternehmen als Holding geführt und von einem Quintett geleitet: Vorsitzender wird zum 1. Januar Werner Peintinger. Günter M. Mans ist verantwortlich für Wirtschaft und Finanzen, Christian Baumann (Geschäftsführer bei Schwabenhaus) für Marketing und Vertrieb, Jürgen Sperzel für Technik. Fünfter im Bunde: Roman Lackner, Chef der Streif-Haus Vertriebsgesellschaft. Er übernimmt damit die Nachfolge von Vette, der auch diesen Posten abgab.

Lauter Kerle, Herr Vette – wäre es nicht mal Zeit gewesen für Frauen an der Streif-Spitze? Oder zumindest eine? „Ja“, sagt er. „Wenn ich eine hätte.“ Immerhin seien aber in vielen Abteilungen, von Administration über Technik bis Verkauf, inzwischen deutlich mehr Frauen im Unternehmen.

Herausspaziert: Jörg-Achim Vette 2017 vor dem Neubau der Streif-Verwaltungszentrale in Weinsheim. Foto: Fritz-Peter Linden

Dem neuen Führungsgremium will er unterdessen nicht reinreden: „Ich glaube“, sagt Jörg-Achim Vette, „dass die Streif-Gruppe inzwischen das beste Management in Deutschland hat. Und die brauchen mich nicht. Wir haben den höchsten Umsatz und den höchsten Ertrag seit 30 Jahren. Genau der richtige Zeitpunkt, um abzutreten.“