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Dr. Rita Voltmer referierte über Hexenverfolgung im Raum Trier-Saarburg in der Volkshochschule Saarburg

Geschichte : Wer nicht ins Bild passte, musste weg

Hexenjagd im Saarburger Land: Rita Voltmer referiert über Grauenhaftes, Alltägliches und Unvorstellbares.

Was macht eine ganz normale Frau zur Hexe oder einen Mann zum Hexenmeister? Diese Frage beleuchtet Dr. Rita Voltmer von der Universität Trier, Fachbereich Geschichtliche Landeskunde, seit gut 30 Jahren. Vor rund 30 Zuhörern wurde dieses dunkle Kapitel in der Saarburger Volkshochschule neu beleuchtet.

„Wir müssen uns von dem Bild der Hexe aus dem Märchen, buckelig und hässlich, rote Haare und Warzen im Gesicht, verabschieden“, schickte die Wissenschaftlerin voraus.

Wer als Hexe oder Hexenmeister angeklagt wurde, war zuvor ein ganz normaler Mensch, der seiner täglichen Arbeit nachging. „Im 15. und 16. Jahrhundert erwuchsen aus Teufelsfurcht und Hexenangst massenhafte Verfolgungen, denen europaweit etwa 60 bis 80 000 Menschen zum Opfer fielen“, schätzt Voltmer.

Zwischen 1560 und 1650 seien allein im Kurfürstentum Trier mit seinen 91 Dörfern wohl mehr als 1000, in den angrenzenden Herzogtümern Luxemburg und Lothringen jeweils 2000, und allein im Gebiet der Reichsabtei Sankt Maximin insgesamt rund 500 Männer und Frauen hingerichtet worden.

Schwer war es für die Forscherin, dass ausgerechnet im Kurtrierischen Amt Saarburg kein einziges auch nur annähernd vollständiges Protokoll erhalten ist. Mühselig mussten Informationen aus anderen Quellen wie ein Puzzle zusammengesetzt werden.

Aus heutiger Sicht fantastische Vorstellungen von einer neuen Sekte von Ketzern, Gottesabtrünnigen, einer geheimen Verschwörung von Hexen unter Satans Führung setzten sich in den Köpfen fest. Ein apokalyptischer Endkampf gegen Gottes Schöpfung wurde befürchtet.

Der Jesuit Friedrich Spee (1591-1635) war einer der wenigen, die dieses Treiben anprangerten. Er sieht in seinen Schriften die Urheber im Verfolger-Dreieck von Pöbel, Gerichtsherren, Juristen und einer vierten Gruppe aus Theologen, Pfarrern und Predigern.

Geständnisse der vermeintlichen Hexen wurden meist in einer „peinlichen“ Befragung, sprich Folter, erzwungen.

„Es hing stark von der Obrigkeit ab, ob Hexen verfolgt wurden“, erklärt Voltmer. Wenn ein hoher Herr ein Machtwort sprach, wurde auch niemand verfolgt. Auf der anderen Seite haben sich die Oberen kleinerer Herrschaften mit nur wenigen Tausend Einwohnern in der Verfolgung von Hexen hervorgetan, um zu zeigen, dass sie etwas zu sagen haben.

Hexenausschüsse wurden auf den kleinsten Dörfern gebildet. Das Saarburger Hochgericht war mit sieben Schöffen besetzt und wurde von einem Schultheiß (Richter) geleitet. „Verdient haben die Ausschussmitglieder, Schreiber und Notare. Zahlen mussten die Hinterbliebenen“, erklärte die Wissenschaftlerin. Es sei inzwischen erwiesen, dass sich zahlreiche Chancen zur Nutzung der Prozesse für eigene Interessen eröffneten.

Voltmer kann nachweisen, dass 1525 und wieder 1580 und 1582 mehrere Hexereiverfahren vor dem Saarburger Hochgericht geführt worden sind. Von weiteren 60 sind nur wenige Fragmente der Protokolle überliefert. Für das Jahr 1610 fand sie knappe Nachrichten zu mindestens einer Hinrichtung in Saarburg. Die Namen der Betroffenen nannte sie nicht.

Wer glaubte, als Schultheiß auf der scheinbar sicheren Seite im Gerichtsstand zu sitzen, konnte sich schon mal irren. Auch Richter und sogar Pfarrer wurden angeklagt und hingerichtet. Ende des 18. Jahrhunderts wurde dafür der Begriff Justizmord geprägt.

Oft sind es die städtischen und dörflichen Eliten, die beschuldigt wurden, ihre wahre Gesinnung hinter einem Alltagsgesicht zu verbergen. Wer oft fluchte oder sich stritt, lebte gefährlich. Freisprüche gab es bei zwei Prozent der Urteile nur selten. Im Bitburger Land wurde sogar eine „Hexensteuer“ eingeführt, die die Verfolgung der Delinquenten erleichtern sollte. Wer nicht zahlen wollte, machte sich sofort verdächtig.

Hingerichtet wurden 70 Prozent Frauen und 30 Prozent Männer in katholischen Gebieten, bei 90 zu zehn Prozent lag das Verhältnis bei den Protestanten.

„Das ist ein interessantes Thema, gerade wegen seines lokalen Bezuges“, findet Michael Bidinger aus Schoden. Das Thema sei wissenschaftlich fundiert dargestellt worden. Hexenverfolgung gebe es in manchen afrikanischen Ländern ja bis heute. „Ich habe hier ganz neue Erkenntnisse gewonnen“, sagt Rosemarie Müller aus Saarburg. Das sei doch schrecklich gewesen, niemandem mehr trauen zu können und auch noch für die eigene Hinrichtung bezahlen zu müssen.

 Der Begriff „peinliche“ Befragung ist wörtlich zu verstehen: Die Züscher Künstlerin Ursula Stimmler hat diese Szene einer Folter, die zum Geständnis führen sollte, in einem Gemälde festgehalten.
Der Begriff „peinliche“ Befragung ist wörtlich zu verstehen: Die Züscher Künstlerin Ursula Stimmler hat diese Szene einer Folter, die zum Geständnis führen sollte, in einem Gemälde festgehalten. Foto: Herbert Thormeyer

„Selbst für mich, die sich seit rund 30 Jahren mit diesem Phänomen beschäftigt, bleibt immer noch ein beträchtlicher Rest an offenen Fragen und an Unbegreiflichem“, stellt Dr. Rita Voltmer am Ende ihres Vortrages fest. Von einem Hexenwahn zu sprechen lehnt die Wissenschaftlerin jedoch ab: „Das waren alles ganz bewusste Entscheidungen.“