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Eine Rede, bei der man auch nach 50 Jahren noch eine Gänsehaut bekommt

Eine Rede, bei der man auch nach 50 Jahren noch eine Gänsehaut bekommt

Er hatte einen Traum, und er ist ihm bis zu seinem Tod konsequent gefolgt. An "Leben und Tod von Martin Luther King" erinnerte ein Gastspiel im Theater Trier in englischer Sprache. Die ausverkaufte Vormittagsvorstellung sahen fast ausschließlich herzlich applaudierende Schüler und Studenten.

Trier. "I have a dream." Wenn das Stück beginnt, hört man irgendwo hinten einen Schuss. Der Traum wird böse enden, weiß man, und doch vieles bewirken.
Amerika ist voller Visionäre. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist der Traum sozusagen gesellschaftliches Lebens- und nicht selten Überlebensprinzip. Einer seiner eindrucksvollsten "Träumer" war Martin Luther King, der Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger. Das Leben des studierten Soziologen und Predigers aus Atlanta haben das TNT Theatre Britain und die American Drama Group Europe in Szene gesetzt.
Dabei erzählt Regisseur Paul Stebbings keine Biografie. Aus den zentralen Ereignissen im Leben des Begründers des Civil Right Movements hat der Brite eine holzschnittartige, sehr flotte Collage gemacht, die sich aufs Wesentliche konzentriert. Wozu auch die wohltuend sparsamen Requisiten beitragen, wie sie Tourneen nun einmal erfordern.
Stebbings spannt den Bogen vom Schlüsselerlebnis im rassistischen Montgomery in Alabama, bei dem die schwarze Bürgerrechtlerin Rosa Parks wegen eines Sitzstreiks inhaftiert wird, über die Begründung der Bewegung, Kings Haft in einem berüchtigten Ku-Kux-Klan-Gefängnis und seinen legendären Marsch nach Washington 1963 bis hin zu seinem Tod in Memphis 1968. Thema ist zudem der Versuch des FBI-Chefs Hoover, King als Kommunist zu diffamieren und ihn später über Indiskretionen aus seinem Privatleben, seiner Schwäche für Frauen, zu diskreditieren und auszuschalten.
Die Klammer bildet die Berichterstattung des weißen Fernsehjournalisten und King-Freunds Jack Nadler (Jonathan de Mallet Morgan), einem Typ wie aus einem Arthur-Miller-Stück. Die meist schwarzen Schauspieler, die mit weißen Masken zeitweise Weiße mimen, vermögen überzeugend die dumpfe, beschränkte und gewaltschwangere Atmosphäre des Rassismus zu vermitteln.
Allerdings: Auch wenn sich die Inszenierung um Vielschichtigkeit bemüht, so bleibt sie doch ein wenig eindimensional. Dabei ist Adrian Decosta ein eindrücklicher, anrührender friedlicher Aufrührer. Wenn er seine berühmte Rede hält, die mit dem Eingangszitat beginnt, bekommt man auch nach über 50 Jahren eine Gänsehaut.
Was leider nur am Rande deutlich wird, ist jene negative Eigendynamik, die bis heute manch gute Idee und manch wünschenswerter Aufbruch entwickelt. Auch Martin Luther King, der Mann, der selbst nach 300 Jahren rassistischen Unrechts und Unterdrückung dabei bleibt "Eine Waffe kann niemals für uns eine Waffe sein", muss erleben, dass seine Mitstreiter nicht vor Gewalt zurückschrecken. Eine anrührende Coretta King wie eine streitbare Rosa Parks ist die facettenreiche Mary King. Am Ende wird es ein bisschen melodramatisch, wenn sich Kings Umfeld zum Beweinungsbild um den erschossenen Bürgerrechtler drapiert.
Schade, dass es nur die eine Vormittagsaufführung gab. Ist doch trotz inzwischen verfassungsrechtlicher Gleichberechtigung der Rassismus in Amerika noch längst nicht überwunden. er