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Neue Ausstellung in Bitburg: Jubiläumsschau "Nicht von Pappe"

Ausstellung : Vom Waschbecken zum Langen Eugen

Die neue Galerie im Bitburger Haus Beda zeigt die Jubiläumsschau „Nicht von Pappe“.

Was umgangssprachlich „nicht von Pappe“  ist, stellt etwas dar und ist kein Weichei. Das lässt sich fraglos auch von der Neuen Galerie im Bitburger Haus Beda sagen. Seit nunmehr zehn Jahren öffnet sie der Region verdienstvoll Fenster zur Gegenwartskunst, stellt zeitgenössische Positionen und ihre Ausdrucks- wie Stilmittel zur Diskussion und reflektiert mittels der Kunst Probleme und Phänomene dieser Zeit. Anders als man vermuten könnte, hat die eingangs zitierte Redewendung, mit der auch die Jubiläumsausstellung der Galerie titelt, ursprünglich allerdings nichts mit dem verklebten Material aus Papier oder Zellstoff zu tun. Sie bezieht sich auf den Brei, den Papp, mit dem Kleinkinder gefüttert werden, die noch keine harte Kost vertragen. Auch diesem zarten Alter dürften Galerie wie Publikum nach einem Jahrzehnt entwachsen sein. Wie gesagt, nicht aus Pappe zu sein, beansprucht selbstbewusst der Titel der  Geburtstagsschau für die darin gezeigten Werke. Was so eindeutig dann doch nicht ist angesichts der widersprüchlichen Natur der gezeigten Arbeiten. Was sich darin darstellt, ist gleichsam die Zurschaustellung der Doppelnatur des Kunstwerks. In ihrer Dinghaftigkeit – soll heißen: als Material, Werkstoff oder Bildträger – bestehen die gezeigten Arbeiten allesamt aus Pappe oder Papier, als Bild und Symbol gehen sie hingegen über die Eigenschaften und Bedingungen ihrer Materie hinaus. Fraglos finden sich in der Gruppenausstellung, die sechs zeitgenössische Künstler versammelt, neben einer Hommage an den früh verstorbenen Martin Noêl, eindrückliche Arbeiten. Dazu gehören gleich eingangs Noêls wunderbar meditative Holzschnitte, deren kräftige kalligraphische Linien sich im sinnlichen Farbraum bewegen. Phantastische Räume und überraschende Perspektiven eröffnen die monochromen weißen Reliefs von Simon Schubert. Ausgesprochen feinsinnig kommen im ersten Raum Werner Haypeters vielfältige abstrakte Reflektionen über den Zusammenhang  von Form, Farbe und Licht daher. Außer der Reihe, aber unverändert interessant, stehen Frank O. Gehrys „Sessel“ als prominente Leihgabe im großen Saal, für die er die Pappe und ihre Materialästhetik nutzt, um sie als Architektur und Anmutung eines bequemen Sitzmöbels zu illusionieren. Neben solchen überzeugenden Arbeiten präsentiert die Schau allerdings auch eine Reihe von Werken, die über Kunstgewerbe kaum hinausgehen. So wie die dreidimensionalen Zeichnungen gleichenden detailfreudigen Pappreliefs von Martin Spengler, der aus der kleinteiligen städtischen Bebauung den Wolkenkratzer einer Versicherung oder das ehemalige Bonner Abgeordnetenhaus „Langer Eugen“ (heute Sitz von UNO-Organisationen) phallisch herausragen lässt. Solcherart Kritik an der postmodernen kapitalistischen Macho-Welt und ihrer Massengesellschaft bleibt trotz handwerklicher Präzision reichlich banal und ausgelutscht.

Weit eindrücklicher ist dagegen gestalterisch Spenglers wandfüllende „La-Ola-Welle“ als Ausdruck einer Massenbewegung. Eher Kunstgewerbe bleibt auch die „Waschmaschine“ von Xue Liu, dessen Gemälde ebenfalls recht belanglos daherkommen und Werner Müllers „Waschbecken“. Dagegen erzeugt sein fein gearbeitetes Schneckenhaus mit seiner Spirale vielfältige kulturgeschichtliche  Assoziationen. Als „Erinnerungsmodelle“ bezeichnet André Schweers die feinen weißen Papiergussarbeiten der Serie „Scripturale“, mit ihrem plastischen Zeilen-Lineament. Wie zu lesen ist, geht es ihm dabei um die Vermittlung der Aura alter Handschriften. Die ist allerdings weder hier noch in den malerischen farbigen Arbeiten seiner Bibliotheca Conservata zu spüren. Eher gleichen seine erinnerungskünstlerischen Arbeiten Objekten, die, von ihrer Alltagsrealität befreit, in die Abstraktion der Erinnerung weiterbestehen. Eine sehenswerte Ausstellung, bei der allerdings weniger mehr gewesen wäre.

Bis 5.1. 2020, Tel.: 06561-9645-0 , Di-Fr 15-18 Uhr, Sa, So, feiertags 14-18 Uhr, www.die-neue-galerie.de