Theater Trier zeigt "Nathan der Weise" von Lessing in der Europäischen Kunstakademie

Theaterpremiere : Von falscher Frömmigkeit und wahrem Menschsein

Bei der Theater-Inszenierung des Klassikers „Nathan der Weise“ in der Europäischen Kunstakademie in Trier sitzt das Publikum mit auf der Bühne.

Es ist eine enorme Energie im Raum. 170 Besucher blicken von kleinen Tribünen an allen vier Seiten auf die diagonalen Holzpaletten mit den flachen Trümmersteinen in der Mitte. Schon bevor alle Zuschauer ihre Plätze in der Europäischen Kunstakademie eingenommen haben, tanzt hier ein Soldat zu den lauten Discobeats mit orientalischen Popklängen. Im Kampfanzug, mit kurzen Stiefeln, Mütze und Kopfhörern hüpft er wie besinnungslos im Takt, von einem Bein aufs andere, wirft abwechselnd die Arme in die Luft, irgendwann schweißnass im Gesicht. Lange.

Zehn Minuten. Man fragt sich zunehmend gebannt, wie lange der das wohl noch durchhält, dieser Tempelritter, der ebensogut ein heutiger Soldat aus Syrien sein könnte. Oder aus Afghanistan. Und schon ist man mittendrin in Lessings Stück „Nathan der Weise“, das Andreas von Studnitz in Trier so inszeniert, dass die Besucher einander zugewandt sitzen und sich dadurch gegenseitig in ihrer Spannung stärken. Alles ist Bühne, backstage gibt’s nicht. Wenn der Derwisch Al-Hafi (Martin Geisen) seinen großartigen Abgang hat, wo er sich die Kleidung vom Leib reißt, seinen Job als Schatzmeister des Sultans quittiert und barfuß an den Ganges aufbricht zu einem einfachen Leben ohne Sklaverei, da öffnet sich die große Außentür, und der Aussteiger taucht ab in die Trierer Nacht.

Der Patriarch hingegen, von Manfred-Paul Haenig als lüstern-machtgeiler prinzipienloser Kirchenmann gespielt, taucht erstmals hinter Zuschauern aus dem Dunkel auf, vom Boden aufstehend, mit nacktem Oberkörper und dicken Klunkern an den Fingern – ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Während er sein edles Gewand anzieht samt dicker Kreuzkette und den übrigen Insignien seiner vermeintlichen Macht, da verdammt er denjenigen Juden auf den Scheiterhaufen, der ein Christenkind bei sich aufnahm und im mosaischen Glauben erzog.

Der Regisseur belässt das auf zwei Stunden zusammengestrichene dramatische Gedicht im Jerusalem des Jahres 1192, als Kreuzritter, Juden und Muslime gleichermaßen Anspruch auf das Heilige Land erhoben und sich feindselig beäugten, doch präsentiert er die Personen und ihre Konflikte um Macht und Toleranz, um Migration und Minderheiten, um Kirche und Korruption zeitgenössisch (Bühne und Kostüme: Beate Zoff) und so pointiert, dass Lessings 240 Jahre altes Drama hochaktuell erscheint.

Im erwähnten jungen Tempelritter (kraftvoll und cool: Jan Walter) kristallisieren sich die Widersprüche und Schranken der multireligiösen Gesellschaft. Als Vertreter der christlichen Eroberer, die meinen, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben, steht er auf der Abschussliste des herrschenden Sultans, und nur seine Ähnlichkeit mit dessen  verschollenem Bruder verschont ihn vor dem Tod. Nun verliebt er sich in Recha, angenommene Tochter des Juden Nathan, mit dem er („Jud ist Jude“) aber nichts zu tun haben will.

Michael Hiller spielt den reichen Nathan als einen besonnenen, wunderbar menschlichen Herrn, der mit Geschick und Geld zwischen den Fronten jongliert und umgeben von Judenfeinden nicht hartherzig wird, obwohl er allen Grund dazu hätte. In der bewegendsten Szene des Abends erinnert sich dieser Mann daran, wie er seine Frau und sieben Söhne bei einem Pogrom verlor und es dann als Geschenk des Himmels annimmt, dass das elternlose Christenkind Recha in seine Obhut gebracht wird. Dass Nathan sie im Geist der Aufklärung erzieht, ist an diesem Abend aber kaum wahrzunehmen. Die 18-jährige Recha (Davina Donaldson), in engelweißem schlichten Kleid und Sneakers, gibt sich eher pubertär-zickig und scheut sich auch nicht, den um sie werbenden Tempelritter zweimal zu ohrfeigen. Ihre balletthaften Tanzeinlagen wirken in dem sonst so sprachgewaltigen Umfeld allerdings unbeholfen und deplatziert. Daja hingegen, ihre Gesellschafterin, versteht es exzellent, mit der Waffe des Wortes ins Geschehen einzugreifen. Barbara Ullmann, mit strengem Dutt und schwarzem Kleid, glänzt in dieser Rolle als Kreuzfahrer-Witwe, die auf intrigante Weise das ihr anvertraute Christenkind wieder auf den rechten Glaubenspfad bringen will. Wenn Ullmann in einer Ecke des Raums flüstert, versteht man sie überall  – so präzise ist ihre Artikulation, so stark ihre Präsenz.

Wie überhaupt die sprachliche Leistung des Ensembles durchweg beeindruckt, von einigen bärtigen Nuscheleien des ansonsten überzeugenden Klosterbruders (Paul Behrens) einmal abgesehen. Lessings Blankverse tragen die Darsteller so selbstverständlich und sinnerhellend vor, dass die Zuhörer mühelos folgen können.

Den Wechsel der Szenen lassen Regisseur und Dramaturg Philipp Matthias Müller nicht leer, sie stimmen mit Musik oder Geräuschen auf das Folgende ein. Wenn Sultan Saladin auftritt, ertönt „This is a man’s world“, das wie ein Leitmotiv der Vorstellung erscheint. Tim Olrik Stöneberg gibt den besonnenen Herrscher, der sich gern als Wohltäter zeigt, aber nicht weiß, wie er das bei leeren Kassen weiter finanzieren kann. Ständig setzt seine toughe Schwester ihn unter Druck. Sittah lebt wie eine moderne reiche Araberin. In ihrem engen Kostüm  geriert sie sich als knallharte Geschäftsfrau, die – von Stephanie Theiß brillant gespielt – zwar vor männlichem Besuch routiniert lässig ein Kopftuch umbindet, aber mit List und einer gewissen Lüsternheit die Macht zu lenken versucht.

Der Schluss sei hier nicht verraten –  ein Gag, der besonders bei den zahlreich erwarteten jungen Besuchern sicherlich für Lacher sorgen wird. Das Publikum dankt mit langanhaltendem Applaus und Standing ovations.

Weitere Termine: 4., 29. und 30. Oktober, 19.30 Uhr, Schulvorstellungen am 14., 15., 16., 22., 24. und 25. Oktober.

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