1. Region
  2. Kultur

Portrait von Opernsänger Dietmar Cordan (80), der aus Trier stammt

Theatergeschichte(n) : Von der Mosel in die weite Theaterwelt

Seine Professoren bescheinigten ihm einen „ungewöhnlich schönen timbrierten lyrischen Tenor“. Dabei war es ein Zufall, dass Dietmar Cordans Begabung überhaupt entdeckt wurde. Vor 80 Jahren wurde der Opernsänger in Trier geboren.

In seiner aktiven Zeit war er ein Tausendsassa auf der Opern- und Operettenbühne. Dietmar Cordan, 1941 in Trier als Dietmar Stommel geboren und mittlerweile 80 Jahre alt, gehört zu den gestandenen und anpassungsfähigen Sängern, ohne die das Theaterleben schon früher nicht ausgekommen wäre und bis heute nicht auskommt. Die Fakten sind Grund genug für Erstaunen und Respekt, und die  Zahlen im Anhang seiner Autobiografie „So wurde ich ein Opernsänger“ sprechen für sich. Cordan war nacheinander festes Ensemblemitglied an den Theatern Köln, Hof, Salzburg, Augsburg und Essen und hat dort mehr als 50 Partien gesungen – von Konzerten und Gastspielen nicht zu reden.  Manchmal sind es nur Nebenrollen, aber in vielen Fällen ist es doch große Oper. Belmonte und Pedrillo aus Mozarts „Entführung“ sind dabei, der Elemer aus der „Arabella“ von Richard Strauss,  Ferrando aus Mozarts „Cosi“, Tamino aus der „Zauberlöte“, die Titelrolle in Benjamin Brittens „Albert Herring“. Auch der italienische Belcanto ist dabei – Verdis „Rigoletto“, Puccinis „Gianni Schicchi“, seine „Tosca“. Cordan hat zudem die Moderne nicht gescheut und Stücke von Egk, César Bresgen, Orff, Frank Martin und Günter Bialas in sein Repertoire aufgenommen. Und mit dem „Testo“, dem moderierenden und kommentierenden Zeugen in Claudio Monteverdis „Combattimento di Tancredi und Clorinda“ wagte er sich sogar in die Höhen und Tiefen der großen, späten Madrigalkunst des 17. Jahrhunderts.

Dabei wurde Cordan die Sängerkarriere keineswegs in die Wiege gelegt. Er wurde in seinem Geburtsort Trier in eine Kriegs- und Nachkriegswelt hineingeboren, die reichlich abenteuerlich, aber nicht gerade komfortabel, war. „Mit vier Jahren war der Staubplatz mein Spielplatz“, erinnert er sich. Und ergänzt: „Der kleine freie Platz neben der Maximinkirche reichte uns aus, um mit den aus Lumpen zusammengenähten Bällen unseren Fußball zu spielen.“  Der junge Dietmar erlebt die Zeiten von Aufbau und Wirtschaftswunder. Er schildert die Lehr- und Angestellten-Zeit in der Drogerie von 1955 bis 1966.  Auch in diesen Jahren lag der  Sängerberuf noch in weiter Ferne.

Sein Talent wurde eher zufällig entdeckt, als er in einem Dorf der Lüneburger Heide mehr gedrängt als freiwillig einem Männerchor beitrat und mit seiner Stimme allgemeines Erstaunen auslöste. Der 28. Juni 1967 wurde dann „einer meiner Schicksalstage“. Damals bestand er die Aufnahmeprüfung an der Berliner Hochschule der Künste – Cordan hat sich den Erfolg mit der „Donna e mobile“ aus Verdis „Rigoletto“ und dem „Sänger“‘ aus dem „Rosenkavalier“ buchstäblich ersungen. Dann folgte das Studium bei Harry Gottschalk. Drei Jahre später die Abschlussprüfung. Note „gut“. Und dazu ein Kommentar der prüfenden Professoren: „In sechs Semestern hat sich Cordans ungewöhnlich schön timbrierter lyrischer Tenor sehr gut entwickelt“. Weiter ging es mit dem Vorsingen an der Kölner Oper  bei Klaus Pawasser und Marek Janowski, der heute zur ersten Garde der deutschen Dirigenten gehört. In Köln das erste Engagement.  Er habe noch viel zu lernen, bedeutete man ihm. Aber dafür sei Köln genau richtig. Und Cordan lernte. Zunächst die kleinen Nebenrollen. 1971/72, jetzt schon am Städtebundtheater in Hof, Schritt für Schritt große Partien. Der Adam im „Postillon von Lonjumeau“ mit dem gefürchteten hohen „D“ gehörte dazu, der Rudolf aus Puccinis „Bohème“.  Dann der Vertrag für 1972/73 am Landestheater Salzburg, das Engagement 1974/75 in Augsburg, Und 1975 wechselte Cordan zu den Städtischen Bühnen in Essen und erarbeitete 16 große Partien, darunter den David aus Wagners „Meistersingern“ und  den Basilio aus Mozarts „Figaro“. Und als wäre all das noch nicht genug, standen auch noch an die 70 Gastspiele und Konzerte auf seinem Programm.

1980 beendet Cordan das Essener Engagement und genießt seither das Dasein als freischaffender Künstler. Er schildert begeistert das italienische Spoleto, wo er Bekanntschaft macht mit Sopranistin Janet Baker und Dirigent Adam Fischer – der schon auf dem Sprung zur großen Karriere. Und geht in seiner Autobiografie ins Grundsätzliche. Unter dem Titel „Kunst-Gesellschaft-Kritik bezieht er Stellung – gegenüber modernen, aus seiner Sicht allzu modernen Komponisten und egozentrischen Regisseuren. Sein Resümee klingt wie ein künstlerisches Credo: „Ich möchte behaupten, dass nach Alban Berg nichts Neues kam.“

Aber so absolut wie es klingt, ist es nicht gemeint. Auch Pierre Boulez, Arnold Schönberg, Anton von Webern Krzysztof Penderecki und Hans Werner Henze haben sich aus Cordans Sicht „unbegrenzte Nachhaltigkeit“ erworben.

Mit dem Sprung in die Selbständigkeit jedenfalls ist Cordans Karriere ist nicht zu Ende. Sie geht in die Breite. Gastspiele im Ausland kommen dazu. Mit Bachs Kantaten und dem herrlichen Magnificat des Bach-Sohns Carl Philipp Emanuel erobert der Opernsänger auch das Konzertpodium. Und zieht 2007 wieder in die deutsche Hauptstadt, genießt zwei Jahre lang das reiche Kulturangebot und verabschiedet sich dann vom „Moloch Berlin“. Seither lebt er mit seiner Frau in Salzburg und in Kroatien. Auf der kroatischen Insel Silba („meine Insel“) haben er und seine Familie nach Jahrzehnte langer, aufreibender Hektik Ruhe gefunden.

Und Trier? Fest steht: Mit Ausnahme eines eher privaten Auftritts hat Cordan in Trier nicht öffentlich gesungen. Aber auf unterschiedliche Weise blieb der Kontakt zur Moselregion erhalten. In Köln lernte Cordan den Trierer Heinz-Martin Lonquich und seinen Sohn Alexander kennen und bekräftigte mit ihnen sofort die gemeinsame Verbundenheit mit der Mosel-Region. Er stieß auf eine Notiz im Trierischen Volksfreund vom 24./25. Juni 1972: „Aus dem Drogisten wurde ein lyrischer Tenor. Gebürtiger Trierer an Landestheater Salzburg verpflichtet“. Und ergänzt: „Die Trierer und ich waren stolz“. Er erinnert an den damaligen Augsburger und späteren Trierer Intendanten Rudolf Stromberg, der ihn in Augsburg mit den Worten „Sie hätten wir gerne längere Zeit haben wollen“ entließ. Mit Trier blieb er vertraut. Da ist es nur konsequent, dass auch seine Autobiografie mit einer Kindheitserinnerung schließt. „Ich begann den Staub zu riechen, den Staub von St. Maximin in meiner Heimatstadt Trier.“  Martin Möller

   Der Zeitungsausschnitt des TV 1972 zeigt den jungen Opernsänger Dietmar Cordan.
Der Zeitungsausschnitt des TV 1972 zeigt den jungen Opernsänger Dietmar Cordan. Foto: Dietmar Cordan/privat

Dietmar Cordan, So wurde ich Opernsänger, 303 Seiten, Verlag Dohr, Köln, 24,80 Euro.