Das Grauen von Chelmno

WITTLICH/LODZ. Vor 60 Jahren, am 19. Januar 1945, wurde das Getto in Lodz von den sowjetischen Truppen befreit. Über 200 000 Menschen waren gestorben oder wurden weiter deportiert, darunter auch einige Hundert aus unserer Region. Die Wittlicher Theologin Marianne Bühler berichtet über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung aus dem Raum Wittlich:

Am 16. Oktober 1941 wurde Jakob Ermann aus Wittlich, wohnhaft in Trier, im Bischof-Korum-Haus in Trier eine Verfügung überbracht: Ihm wurde mitgeteilt, dass sein gesamtes Vermögen zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen war. Damit war das Ende seiner bürgerlichen Existenz in Deutschland besiegelt. Jakob Ermann war nur einer von vielen. Meist waren es Familien, die sich dort versammelten, auch Kinder, so die achtjährige Renate Kahn aus Bernkastel und die fünfjährige Ruth Frank aus Trier, deren Vater aus Osann stammte. Wahrscheinlich in der gleichen Nacht noch ging der Transport Richtung Lodz. Die Menschen aus dem Reichsgebiet waren eine Minderheit innerhalb der großen jüdisch-polnischen Gettobevölkerung. Die meisten von ihnen kamen zunächst in Sammelunterkünfte wie Schulen und Lagerhallen, bevor ihnen eine eigene Unterkunft zur Verfügung gestellt wurde, normalerweise ein Zimmer pro Familie. Waren die sanitären und hygienischen Verhältnisse im Getto ohnehin katastrophal, so waren sie in diesen Sammelunterkünften besonders schlimm. Wärme nur durch die zusammengepferchte Masse, kein Waschraum für tausend Menschen, überfüllte Schmutzeimer auf den Korridoren - so beschreibt ein Zeuge die Lage dort. Eine "Wohnung" war also schon ein Fortschritt. Zwei Wittlicher Familien waren nicht weit voneinander untergebracht: Storchengasse 9 war die Unterkunft der Familie Bermann, Nr. 12 wohnte Familie Mendel. Mirtil und Berta Bermann lebten dort zusammen mit ihren Kindern Siegbert und Adelheid. Nur der Sohn Arnold war dem Weg ins Getto entgangen. Mirtil Bermann wird als Arbeiter bezeichnet, in Wittlich war er Viehhändler gewesen. Sein Sohn ist Landwirt, seine Tochter Haustochter. Bertha Bermann, Schneiderin, soll in einem der vielen Textilbetriebe im Getto gearbeitet haben. Sieben Mitglieder der Familie Mendel sind in der Storchengasse 12 verzeichnet: Oskar und Irma Mendel und Louis und Johanna Mendel mit ihrer Tochter Lotte und Camilla, der Schwester von Louis. In beiden Familien waren die Männer als Fleischer tätig(…) Das Leben im Getto war bestimmt von Arbeit, der Sorge ums Essen und der Angst vor Krankheit. Oft gab es Hunger, ständig Engpässe bei der Ernährung. Die Wittlicher wohnten zudem in einem Teil des Gettos, das von einer öffentlichen Straße durchschnitten wurde. Holzbrücken dienten der Verbindung der einzelnen Stadtteile des Gettos. Ein Zeuge berichtet, wie schwer es für die geschwächten Menschen war, oft mehrmals täglich diese Brücke zu überqueren. Doch die größte Bedrohung waren mit Beginn des Jahres 1942 die Transporte nach Chelmno. Dort, 60 km von Lodz entfernt, war ein Vernichtungslager eingerichtet worden; die Menschen wurden in Gaswagen vergast und dann im Wald vergraben oder verbrannt… Auch Lotte Mendel, die in diesem Jahr ihren achtzigsten Geburtstag gefeiert hätte, kam ums Leben.