1. Region

Sensationelle archäologische Funde in Luxemburg

Archäologie : Als ein Teil von Luxemburg unter Wasser stand: Was Forscher Besonderes im Westen Luxemburgs ausgraben

Was Forscher da gerade im Luxemburger Örtchen Niederkerschen unweit der belgischen Grenze ausgraben, hat es in sich - wir haben uns das vor Ort mal angesehen.

Vor 183 Millionen Jahren lag der Süden Luxemburgs unter dem Meer. Das beweist ein Fischfossil in einer Grube in Niederkerschen. Vor diesem stehen an einem Mittwoch Mitte Mai der Museumspaläontologe Dr. Ben Thuy und seine Kollegin Dr. Lea Numberger vom luxemburgischen Nationalmuseum für Naturgeschichte. Einzelne Schuppen glänzen auch nach all den Jahrmillionen noch im Sonnenlicht.

„Das Festland war nicht weit weg“, sagt Thuy. „Die Küste lag zwischen dem Ösling und dem Gutland.“ Der Norden Luxemburgs hingegen sei eine subtropische Insel gewesen, so der Wissenschaftler. „Diese Fische haben hier gelebt und sind nach ihrem Tod auf den Meeresboden gesunken. Dort herrschte ein Sauerstoffmangel, wie im Schwarzen Meer. Deswegen sind diese Fische noch erhalten“, so Thuy.

„Europa war ein bisschen wie ein Archipel zwischen den anderen Kontinenten.“ Es sei schön warm gewesen, es habe aber auch ein extremes Klima gegeben. „Eine starke Erderwärmung. führte zu Monsunklima mit sehr trocknen Sommern und sehr niederschlagreichen Episoden. Das erinnert an die vergangenen Jahre“, so der 36-Jährige. „In diesem Ozean graben wir jetzt.“ Eigentlich soll hier eine Halle gebaut werden. Archäologen fanden aber bei Probegrabungen Fossilien. Nun haben Thuy und sein Team zwei Wochen Zeit, Schicht für Schicht abzutragen und Fossilien zu finden. Dann wird die Grube wieder zugeschüttet und die Bauarbeiten beginnen.

In den 1980ern wurden bei Arbeiten in der Nähe spektakuläre Funde gemacht – zum Beispiel die Knochen eines Fischsauriers sowie eines Flugsauriers, der so groß wie eine Möwe war. Sie sind nun in der Ausstellung des Naturgeschichte-Museums „Lost Ocean“ zu sehen. „Wir können uns jetzt systematisch Lage für Lage durchwühlen“, sagt Thuy. Es sei immer spektakulär, wenn man ein großes Wirbeltier finde, aber auch Stücke, die nicht nach viel aussähen, seien wichtig. „Sie geben uns zum Beispiel darüber Aufschluss, welches Ökosystem hier damals herrschte.“ Numberger sagt: „Man darf kleine Funde nicht ignorieren, denn manchmal sind sie es, welche wissenschaftliche Aufmerksamkeit erregen.“ Sie selbst entdeckte etwa 2018 ein Flügel-Fossil einer Heuschrecke, die so noch nicht bekannt war. An Kalkschalen von Einzellern wie sogenannten Foraminiferen könne man etwa die damalige Meeresoberflächentemperatur rekonstruieren und somit Rückschlüsse auf das Klima von damals ziehen. So ist es auch nicht das Hauptziel der Ausgrabung Ausstellungsstücke zu finden, sondern wissenschaftliche Daten zu sammeln.

Die Grube misst ungefähr 20 mal 20 Meter und ist rund einen Meter tief – an einer Stelle sogar bis zu drei Meter. Sie soll aber noch deutlich größer werden. Für die Erdarbeiten ist der Baggerfahrer Nico Mayer verantwortlich. Eigentlich ist der 71-Jährige im Ruhestand, aber an Baustellen, die ihn interessieren, arbeitet er immer noch gerne mit. Er könne die Baggerschaufel mit extremem Feingefühl steuern, sagt Thuy.

 Das Fossil eines Fisches in Niederkerschen sank hier vor 183 Millionen Jahren auf den Meeresgrund. Nun wurde es entdeckt.
Das Fossil eines Fisches in Niederkerschen sank hier vor 183 Millionen Jahren auf den Meeresgrund. Nun wurde es entdeckt. Foto: Jan Söfjer

Zu sechst arbeiten sie in dieser Woche, kommende werden es noch mehr. Darunter ist auch Thuys Assistent Charel Rollinger, der sich zwischen seinem Bachelor- und Masterstudium der Angewandten Geowissenschaften befindet. Louis Post hat vor einem Jahr sein Abitur gemacht und jobbt nun im Museum, bevor er studieren möchte. Dazu kommt der Hobby-Paläontologe und freiwillige Helfer Anjin Thill. Eigentlich besitzt er einen Kletterladen, aber begeistert sich schon seit seiner Kindheit für Fossilien. „Ich finde es extrem faszinierend, wenn ich ein Fossil entdecke, dass 180 Millionen Jahre im Boden gelegen hat und ich der Erste bin, der es anfasst“, sagt Thill.