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Das harte Geschäft mit der Tiefkühlkost

Foto: dpa
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Trier. Firmen wie Eismann bringen Tiefkühlkost direkt zur Haustür. Was für die Kunden einfach und komfortabel ist, ist für die "Eismänner" oft ein Knochenjob. Viele von ihnen arbeiten freiberuflich, haben 12-Stunden-Tage und kaum Freizeit. Und manche sind froh, wenn sie damit über die Runden kommen. Kim-Björn Becker

Trier. Ein paar Schritte sind es zwischen Lastwagen und Haustür. Wenn alles gut läuft, geht Andreas Frenzel (Name geändert) die wenigen Meter gleich wieder zurück zum Wagen, lädt tiefgefrorene Hacksteaks oder Fischfilets aus und bringt sie ins Haus. Wenn es schlecht läuft, geht er zurück zum Laster, startet den Motor und versucht sein Glück an der nächsten Haustür. An manchen Tagen ist erst nach zwölf Stunden Schluss. Und erst am Ende des Tages weiß er, ob sich die vielen Schritte auch gelohnt haben.
Frenzel ist Verkaufsfahrer für das Tiefkühl-Lieferunternehmen Eismann und beliefert Kunden in Rheinland-Pfalz. Seine Woche hat sechs Arbeitstage, nur den Sonntag macht er gelegentlich frei, wenn keine Büroarbeit liegengeblieben ist. Fest angestellt ist Frenzel nicht, er arbeitet freiberuflich für Eismann. So wie 1200 weitere Fahrer, die jeden Tag an Deutschlands Haustüren klingeln. "Jeder ist selbst für sein Geschäft verantwortlich", sagt Frenzel. Will heißen: Wer fleißig ist, kann es zu etwas bringen. Aber wer keine glückliche Hand hat, der geht unter.
600 Kunden zum Überleben


Der Job ist hart. In der Branche weiß man das - der Konzern sucht seit Jahren händeringend weitere Verkaufsfahrer. Auf seiner Internetseite stellt das Unternehmen Interessenten ein "gutes Einkommen" in Aussicht. Was für Eismann aber ein gutes Einkommen genau ist, dazu schweigt der Konzern.
Etwa 600 Kunden braucht man, um zu überleben", weiß Frenzel. "Am Ende des Monats bleiben etwa 2000 Euro übrig." Vor allem sei es wichtig, neue Kunden anzuwerben, sagt er. Wem dafür die Zeit fehle, der könne Interessenten auch "zukaufen" - Eismann schicke dann Werber in die Straßen und sammle Adressen. Das sei teuer. "Etwa 30 Euro kostet ein neuer Kunde", sagt Frenzel. Aber nicht jeder entpuppt sich für die Unternehmer auch als Glücksgriff. "Damit sich das Geschäft lohnt, müssen sie mindestens einen Umsatz von 120 Euro machen, sonst war der Zukauf ein Verlustgeschäft." Allerdings bliebe nur etwa jeder dritte Interessent treu. Die Konzernzentrale bestätigt diese Geschichte, wenn auch mit Einschränkungen. So würden "Besuchsrechte von Interessenten gegen Gebühr weitergegeben", auch an freiberufliche Verkaufsfahrer, teilt Eismann mit. Davon, dass Kunden "verkauft" würden, könne aber keine Rede sein.
Einfach ist es nicht für die freiberuflichen "Eismänner". Ihre rund 3000 Kollegen bei Marktführer Bofrost haben es etwas besser, denn sie sind fest angestellt. Die Arbeitsverträge sehen ein Grundgehalt vor, das die Fahrer durch gute Umsätze aufstocken können. Etwa 2200 Euro pro Monat verdiene ein Bofrost-Fahrer durchschnittlich im Monat, teilt das Unternehmen mit. Das wären etwa 200 Euro mehr als bei Eismann. Wie groß allerdings das Verhältnis von Grundgehalt zu Umsatzprämie ist, das möchte Bofrost nicht bekanntgeben. Aus Unternehmenskreisen ist zu hören, dass das Grundgehalt im Schnitt bei etwa 1600 Euro liegen soll. Jeder Bofrost-Fahrer würde pro Monat also durchschnittlich etwa 600 Euro als Prämie verdienen, das entspräche etwas mehr als einem Viertel seines Einkommens. "Insgesamt ist das Gehalt akzeptabel", sagt ein Unternehmensmitarbeiter aus Hessen. Doch auch er sagt, dass manche Arbeitstage bei Bofrost bis zu elf Stunden dauern.
Finanzielles Risiko


Bei Konkurrent Eismann ist das finanzielle Risiko für die Fahrer gleichwohl deutlich größer. In Internetforen warnen erfahrene Verkaufsfahrer jene, die nach den Perspektiven bei Eismann fragen. "Das reicht als Alleinverdiener nicht zum Überleben", schreibt einer. "Ich kann nur davon abraten, dort jemals anzufangen", ein anderer. Ein Dritter hat dagegen an seinem Job gar nichts auszusetzen und sagt, dass er gut verdiene. Denn manche Liefergebiete sind lukrativer als andere. In der Stadt lässt sich etwa mehr Geld verdienen als auf dem Land, in besseren Wohngegenden mehr als in Problemvierteln. Wer in welchem Gebiet tätig ist, das entscheidet der Leiter der regionalen Eismann-Niederlassung zusammen mit dem neuen Fahrer. 81 dieser Vertriebsstationen gibt es in Deutschland, dort werden auch die Tiefkühlwaren gelagert.
Morgens steuert der Fahrer die Station an und belädt seinen Lieferwagen. "Die Waren müssen wir dort zum späteren Verkaufspreis erwerben", sagt Frenzel, "im Gegenzug erhalten wir eine Provision." Diese betrage zwischen 15 und 22 Prozent, wobei Speiseeis die größte Marge brächte. Bestätigen wollte der Konzern die Zahlen nicht. Wenn sie stimmen, verdient ein "Eismann" an jeder verkauften Packung Vanilleeis etwa 1,87 Euro. Andreas Frenzel hat derweil einen Korb voll Tiefkühlwaren ins Haus getragen. Ein paar Euro werden sie ihm bringen. Wenn es so weitergeht, dann wird es ein guter Tag. Die nächste Haustür wartet bereits.Die Unternehmen Bofrost und Eismann dominieren den Markt für Tiefkühl-Lieferdienste in Deutschland: Zusammen machen sie 96 Prozent des Gesamtumsatzes, die verbliebenen vier Prozent entfallen auf kleine regionale Anbieter. Bofrost lag 2008 mit einem Marktanteil von rund 70 Prozent weit vor der Firma Eismann, auf die 26 Prozent des Umsatzes entfielen. Das geht aus Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hervor. Der Tiefkühlmarkt wächst seit Jahren beständig, nicht nur bei den Lieferdiensten: Im vergangenen Jahr verbrauchte jeder Deutsche erstmals über 40 Kilogramm an Tiefkühlwaren, wie das Deutsche Tiefkühlinstitut errechnet hat. Das ist ein Plus von 2,3 Prozent im Vergleich zu 2009. kbb