"Spatzenbeschiss": Ex-Trainer räumt Fehler ein

"Spatzenbeschiss": Ex-Trainer räumt Fehler ein

Der Vorfall machte Schlagzeilen. Ende Mai 1994 legte der SSV Ulm erfolgreich Protest gegen die 1:2-Niederlage bei Eintracht Trier in der Zweitliga-Relegation ein. Ein von Triers Zeugwart zugeschossener Ball landete im Unterleib des Ulmer Spielers Hans Seuferlein. Heute räumt der damalige Trainer und jetzige SSV-Präsident Paul Sauter ein, dass man besser auf das Wiederholungsspiel verzichtet hätte.

Ulm. Er war Spieler und Trainer und ist heute Sportlicher Leiter sowie Präsident: Die Geschichte des Fußballclubs SSV Ulm ist eng mit dem Namen Paul Sauter verbunden. Im Gespräch mit TV-Redakteur Mirko Blahak blickt der 65-Jährige unter anderem auf den Protest 1994 zurück, der in Anlehnung an den Spitznamen des Clubs ("Ulmer Spatzen") als "Spatzenbeschiss" in die Annalen einging. Außerdem spricht er vor dem Regionalliga-Gastspiel des SSV am Sonntag bei Eintracht Trier über die aktuelle Situation im Verein sowie zwei Ex-Eintrachtler.

Nur ein Punkt aus den vergangenen vier Spielen: Wo ist beim SSV Ulm die Aufstiegseuphorie geblieben?
Sauter: Sie ist in der Tat etwas weg. Wir müssen jetzt wieder ans Punkten denken! Als wir im Sommer des vergangenen Jahres aus der Insolvenz kamen, mussten wir eine Mannschaft aus dem Hut zaubern. Wir haben in der Saison 2011/12 eine sensationelle Rückrunde gespielt, die uns zur Meisterschaft und zum Aufstieg geführt hat. Das war für viele ein Wunder, weil wir in der Oberliga Baden-Württemberg sehr starke Konkurrenz hatten.

Ist der SSV nach der Insolvenz wieder in ruhigerem Fahrwasser?
Sauter: Es ist weiterhin schwierig. Wir hatten ja vor zwölf Jahren schon einmal ein Insolvenzverfahren zu überstehen. Da ist es nicht einfach, neues Vertrauen aufzubauen.
In Ulm spielen mit Max Bachl-Staudinger und Moussa Touré zwei Ex-Eintrachtler. Wie machen sie sich?
Sauter: Max hat sich ganz gut entwickelt. Ich kannte ihn aus meiner Zeit als Verbandstrainer. Moussa ist meiner Meinung nach noch zu wenig eingesetzt worden. Er braucht Rückendeckung und Vertrauen. Im Frühjahr dieses Jahres durchlief er nach dem überraschenden Tod seines Bruders eine schwere Phase. Jetzt hat er wieder die nötige körperliche Fitness.

Sie waren Spieler in Ulm und später vier Mal Trainer beim SSV (1982 bis 1984, 1990 bis 1994, 2007 bis 2008, 2011 bis 2012). Welche war die schönste Zeit?
Sauter: Vier Mal Trainer …, ja stimmt. Hoffentlich bleibt es dabei! Jede Zeit hatte ihren Reiz. In den 80er Jahren war ich ein Jungfuchs. Ich war Assistenztrainer von Jörg Berger und beerbte ihn als Chefcoach. Ich wurde Meister und stieg mit Ulm in die zweite Liga auf. In den 90er Jahren war ich dann schon ein gestandener Übungsleiter.

1994 kämpften Sie mit Ulm in einer Relegationsrunde um den Zweitliga-Aufstieg. Mit dabei: Eintracht Trier, der FSV Frankfurt und Kickers Emden. Nach dem Auswärtsspiel in Trier gerieten Sie bundesweit in die Schlagzeilen. Wie oft werden Sie noch auf den sogenannten "Spatzenbeschiss" angesprochen?
Sauter: (lacht) Die heutige Spielergeneration weiß davon nichts mehr. Aber wenn man Leute aus der damaligen Zeit trifft, ist es noch ein Thema.

Ulms Spieler Hans-Joachim Seuferlein bekam damals kurz vor Spielende einen von Eintracht-Zeugwart Günter Dietz zugeschossenen Ball in den Unterleib. Seuferlein ging zu Boden und blieb liegen. Wie haben Sie die Szene wahrgenommen?
Sauter: Es waren Hektik und Emotionen im Spiel. Das Moselstadion war gerammelt voll. Das Spiel war eng, es stand 2:1 für Trier. Ich stand auf der anderen Seite des Platzes. Plötzlich lag Hans Seuferlein auf dem Rasen.

Er spielte nicht weiter, Sie konnten wegen des ausgeschöpften Kontingents nicht mehr wechseln. Der SSV legte erfolgreich Protest ein. Es gab ein Wiederholungsspiel. War der Einspruch aus heutiger Sicht berechtigt?
Sauter: Es ging um wichtige Punkte. 99 Prozent aller Vereine, die in so einer Phase sind, schöpfen die Rechtsmittel aus. In Unterzahl war es für uns schwieriger, noch mal heranzukommen. Ein Unentschieden wäre für uns ein Meilenstein gewesen.

Gebracht hat der Protest nichts. Das Wiederholungsspiel ging 0:1 verloren.
Sauter: Ja. Letztlich war der FSV Frankfurt der lachende Dritte, weil sowohl bei Trier als auch bei uns am Ende der Relegationsrunde der Akku leer war. Nachträglich betrachtet war das Wiederholungsspiel für beide Mannschaften nachteilig. Wenn man clever gewesen wäre, hätte man es damals dabei belassen. Aber das wusste man natürlich zu dem Zeitpunkt nicht.

Während des Wiederholungsspiels hingen Transparente an den Stadionzäunen, auf denen Seuferlein und Sie als Betrüger und Lügner tituliert wurden. Hat Sie das getroffen?
Sauter: Ja, das hat mich schon getroffen. Es gab ja sogar Morddrohungen gegen Seuferlein und mich. Ich wurde unter Polizeischutz gestellt. So was habe ich vorher und nachher nicht mehr erlebt. So unwohl hatte ich mich noch nie in einem Spiel gefühlt. Ich hatte ein, zwei Bodyguards um mich herum und habe mich in der Trainerzone verkrochen.

Der Zorn richtete sich damals auch gegen Sie, weil manch einer vermutete, Sie hätten Seuferlein angewiesen, nach dem Schuss den sterbenden Schwan zu mimen…
Sauter: Also von mir wurde er auf keinen Fall dazu animiert, liegen zu bleiben. Ich hatte da keinen Einfluss. bl