KOLUMNE

Der beliebte Bernkasteler Bärenbrunnen teilt sich seit neuestem seinen Platz mit einer Skulptur aus sieben Würfeln. Wer durch deren kleine Fenster schaut, sieht Gegenstände aus den sieben wichtigsten Lebensphasen eines Menschen.

Die stolzen 115 Zentimeter unserer sechsjährigen Michelle reichten nicht aus, durch die Fenster zu blicken, so dass ich sie hochheben musste. Sie sah sich die erleuchteten Gegenstände im Innern an, besonders den Zettel, der vorne zu sehen war. Langsam, aber laut, begann sie vorzulesen: "BE-SA-...". Weiter kam sie nicht, denn ich hatte ihr über die Schulter geschaut und sie erschreckt fallen gelassen. Erst hatte ich einen Gynäkologenstuhl erblickt, dann die entsprechenden medizinischen Werkzeuge und zum Schluss den Zettel mit der Aufschrift "BESAMEN". Dieses Wort hätte einige Fragen aufgeworfen, da sich Michelles Kenntnisse über Blümchen und Bienchen noch auf einem entzückenden Wissensstand befinden. So sagte sie neulich zu meiner Frau, als die über ihren Schwangerschaftsbauch sprach: "Gell, Mama, früher war dein Bauch noch leer. Und dann hast du geheiratet." Indessen war es Michelles Zwillingsbruder Nicolas gelungen, durch ein niedrigeres Fenster einen Blick auf den Gynäkologenstuhl zu erhaschen. Er blickte kurz hindurch, grinste mich an und meinte abfällig über das Gesehene: "Frauensachen". Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Nein, ganz so frühreif war er dann doch nicht, denn auch beim nächsten Fenster stieß er wieder "Frauensachen" hervor. Dort waren jedoch nur ein Damenhut und ein Kleid zu sehen. Zum Schluss drehten unsere Kinder noch an den zwei Ringen, die am Kunstwerk angebracht sind. Und während ich die Erklärung zur tieferen Bedeutung der Ringe las, übte sich unser achtjähriger Christopher in praktischer Kunst. Schwungvoll ließ er einen Ring rotieren, und der landete geradewegs auf Nicolas Kopf. Das Geschrei daraufhin war riesengroß, und ich kam zu der Erkenntnis: Es lässt sich nicht nur über Kunst streiten. Manchmal streitet man sich auch wegen der Kunst. Frank Schmitt In unserer Kolumne "Familienbande" glossieren wechselnde Autoren den familiären Alltag.