Die pure Poesie der Weinsprache

Die pure Poesie der Weinsprache

Kurz und knapp, so mag ich das. Frage ich meinen Mann: "Wie hat das Essen geschmeckt?", sagt er "Lecker". Frage ich meine Schwiegermutter: "Wie fandest du das Konzert?", sagt sie "Schön". Frage ich meinen Vater: "Wie schmeckt der Wein?", sagt er "Gut". Mit lecker, gut und schön ist alles gesagt.

Doch manchmal warte ich auf eine etwas ausführlichere Beurteilung vergebens. Wer professionell Wein beschreibt und beurteilt, will es meist besonders gut machen und begnügt sich nicht mit ein paar dürren Worten. Im Gegenteil, bei einem Weinresümee sind sämtliche Sprachschleusen geöffnet: So frage ich mich, welcher Winzer einen Tropfen verkorkt hat, der wie ein "frisch ausgewaschener Aschenbecher" schmeckt? Wer das geschrieben hat, gehört mindestens für sechs Monate auf Alkoholentzug.

Und auch das Glas, in dem vollreife Schwarze Johannisbeeren herumhüpfen und dabei mit einer schüchternen Paprika wetteifern, hat mir in meinen langen Jahren als Weintrinkerin noch niemand angeboten. In einer Weinfachzeitschrift las ich neulich, es sei langweilig und banal, immer nur die Aromen eines Weines aufzuzählen (Sie wissen schon: Apfelduft, Schokoladenaroma oder Zimtgeschmack). Man solle fantasievoll wie ein großer Weinpoet fabulieren. Weineindrücke in parallele Welten verschieben und erst dann losschreiben: Wenn ich also in künftigen Weinkolumnen einen gaumenschmeichelnden Grauburgunder (auch Pino grigio genannt) mit Paolo Contes "Via con me" (Übers.: Geh' mit mir weg) vergleiche und einen ganz besonders spritzigen Riesling mit Schalke-Spieler Julian Draxler, vielleicht zum Abschluss noch einen duftenden Rivaner mit van Goghs Sonnenblumen, bin ich wahrscheinlich kurz davor, völlig abzuheben oder habe gerade einen Vertrag bei einem Weinmagazin unterschrieben.