Atomenergie

Zu Artikel "Kernkraftwerk-Rückbau läuft" (TV vom 18. Januar):

In Mülheim-Kärlich steht weithin sichtbar ein Mahnmal für unternehmerische und politische Missetaten besonderer Art. Bei Planung und Bau des Kernkraftwerks spielten seinerzeit Unverschämtheit, Klüngelei, Ignoranz und Arroganz der politischen und unternehmerischen Akteure eine wesentliche Rolle. Dieses Benehmen wiederholt sich leider bis zum heutigen Tag bei so manchen größeren Projekten, zum Nachteil der betroffenen Bevölkerung, der Steuerzahler und in diesem Falle der Stromkunden. Die Planung und der Bau von Windkraftanlagen in der heutigen Zeit weisen enorme Parallelen auf, aber das ist ein Thema für sich. Zu Beginn und Fertigstellung des Kernkraftwerks in Mülheim-Kärlich Mitte der 70er Jahre war unser "ehrwürdiger" Altkanzler Helmut Kohl im Lande an der Regierung, und dessen "Ministranten" brachten es mit den Managern der Stromindustrie fertig, den Bau in absoluter Rekordzeit zu stemmen - da kommt einem unweigerlich der Nürburgring in den Sinn. Betrachtet man die Kosten für dieses langlebige Desaster, so ist dies schon eine höhere Dimension, direkt unter dem Gipfel, und nur mit wenigen Unnötigkeiten, außer Kriegen vielleicht, weltweit und historisch vergleichbar. Satte 3,5 Milliarden Euro für den Bau und nochmals am Ende sicher eine Milliarde Euro für den Abriss. Es kommt einem unweigerlich die Geschichte des Turmbaus zu Babel in den Sinn, wo auch Menschen in ihrer Irrung und Verwirrung glaubten, höhere Wesen zu sein und entsprechende Bauwerke errichten zu können. Die ewige Versuchung und gleichzeitig Verdammnis des Menschen in seinem Streben, es den Göttern gleichzutun. Mit der Nutzung der Kernkraft mittels Atomspaltung rief der Mensch Geister, deren Beherrschung und Bändigung eine heikle und empfindsame Angelegenheit ist. Es ist also Vorsicht geboten, zumal die Entsorgung des radioaktiven Abfalls noch ein Problem darstellt. Andererseits dürften, wenn man die Kriterien Erdbebengefahr und Vulkanismus angibt, die zum Abschalten des Reaktors 1988 führten, weltweit wohl nur noch wenige Kernkraftwerke betrieben werden. Der Umgang mit Atomenergie ist und bleibt eine Gratwanderung, wo politisch und unternehmerisch fehlgeleitete Ambitionen nichts, aber auch gar nichts, zu suchen haben. Hermann Warscheid, Bettenfeld