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Bitte kein Luxus-Experiment mit Vorzeigebehinderten

Bitte kein Luxus-Experiment mit Vorzeigebehinderten

Zum Artikel "Geistig Behinderte künftig an Gymnasien" (TV vom 2. Dezember):

Angeblich will man die Behindertenrechtskonvention der Uno umsetzen, wonach alle behinderten Menschen gleichberechtigt in allen Bereichen der Gesellschaft teilnehmen dürfen. Als Vater einer schwer geistig behinderten Tochter muss ich jedoch nach dem Sinn eines solchen Experiments fragen.

Warum fängt man nicht ganz vorne an? Die schwer geistig behinderten Menschen sind in überfüllten Einrichtungen untergebracht, wo kaum eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist, weil der Personalschlüssel so knapp bemessen ist, dass man mit den behinderten Menschen nicht herausgehen kann unter Menschen.

Warum werden schwer geistig behinderte Menschen in besonderen Einrichtungen untergebracht, getrennt von weniger schwer Behinderten? Dies entspricht in keiner Weise dem Gedanken der Integration, schon gar nicht der Inklusion. Der Leiter einer Einrichtung prophezeite uns, dass diese Situation noch schlimmer werde und dass wir glücklich sein könnten, dass alles so ist wie es sich momentan darstellt.

Und nun sollen die geistig behinderten Menschen aufs Gymnasium gehen. Wenigstens hat man eingesehen, dass sie kein Abitur machen können.

Aber was soll das Ganze? Was nützt es dem geistig behinderten Menschen? Es kostet viel Geld (was an anderer Stelle fehlt), wenn ihnen Sonderpädagogen zur Seite gestellt werden. Es nützt vielleicht den Eltern, weil die sagen können: "Unser Kind geht aber aufs Gymnasium." Will man hier eine "Elite" unter den geistig behinderten Menschen heranziehen, sogenannte "Vorzeigebehinderte", um in der Politik zu glänzen? Ich habe kein Verständnis dafür.

Zuerst sollte man die wirkliche Not beseitigen und den behinderten Menschen die einfache Teilhabe ermöglichen (etwa mit ihnen unter Menschen gehen, Kinos und Restaurants besuchen, in der Stadt spazieren gehen, Feste besuchen), bevor man so ein Luxus-Experiment in Angriff nimmt. In der Behindertenpolitik scheint auch ein großer Widerspruch zu bestehen zwischen der Realität und dem, was von Politikern verkündet wird. Als Betroffener kommt man sich manchmal verspottet vor.

Ich glaube auch, dass hier ein Machtkampf stattfindet zwischen den Politikern und den Trägern der Einrichtungen, der auf dem Rücken der behinderten Menschen ausgetragen wird. Ich bitte alle Verantwortlichen inständig, im Interesse der behinderten Menschen endlich an einem Strang zu ziehen.

Alfons Jostock, Schweich

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