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Gesellschaft: Gereizte Verdrängung, nervöse Gereiztheit

Gesellschaft : Gereizte Verdrängung, nervöse Gereiztheit

Zur Berichterstattung über Annegret Kramp-Karrenbauers und Bernd Stelters „närrische“ Entgleisungen sowie zum Kommentar „Deutschland will keine Narren an der Staatsspitze“ (TV vom 5. März) schreiben Michael Wilmes sowie Gertrud und Rudolf Pauli:

Witze über nicht nur sexuell abweichende Minderheiten? So what? Es ist doch die närrische Zeit! Also nicht so eng sehen! Ein bisschen Spaß muss sein.

Es gibt sicherlich nicht wenige, die das so sehen. Wer kann sich das leisten? Nun, derjenige, der nicht betroffen ist. Wer möchte schon zu einer diskriminierten Minderheit gehören? Und in der Minderheit sind selbstgefällige, selbstgerechte, selbstbezogene oder gleichgültige, desinteressierte Menschen auch wohl eher nicht. Das sind diejenigen, die sich über derartige „Witze“ ärgern, auch wenn sie nicht selbst betroffen sind. Und noch mehr diejenigen, die sich vor ihnen ängstigen.

Jahrhundertelange Bedrohung und nicht zuletzt Hitlers langer Schatten liegen wie ein grauer Schleier über dem öffentlichen Diskursfeld. Hier liegen gereizte Verdrängung und nervöse Gereiztheit je nach Betroffenheit dicht beieinander. Das sollten jene Witzereißer bedenken.

Die manche vielleicht überfordernde Political Correctness fordert nicht mehr und nicht weniger als Menschenrecht und Gleichbehandlung. Der Populismus kann unter anderem als Reaktion auf sie gesehen werden; er ignoriert die jahrhundertelange, in der Leibfeindlichkeit des Christentums angelegte Diskriminierung, fördert die Verdrängung der Nazi-Grässlichkeiten und lässt die oben genannte „Witzigkeit“ zu. Deshalb erfordert das eine durch Aufklärung und Wissenschaftlichkeit gestützte radikale Klarheit und Bestimmtheit im öffentlichen Diskurs. Und ein klares und konsequentes Handeln.

Das gilt ebenso und stärker noch für die Missbrauchsfälle in der sich selbst als hochmoralisch verstehenden Institution Kirche. Die jungen Opfer der Übergriffe waren zumeist hilflos, diskriminierte Minderheiten waren das in nahezu allen Epochen. Sie sind es nicht mehr. Sie können sich wehren und sie tun es. Dass sie es vielleicht auch gereizt, aufgeregt und schrill tun, ist vor dem Hintergrund jahrhundertelanger Diskriminierung und oft auch Lebensbedrohung verständlich. So sehr ich mir gesellschaftliche und personale Gelassenheit und ruhige, abgeklärte Argumentation bei heiklen Themen in Deutschland wünsche, so wenig werden sie wohl auf lange Zeit Bestandteil hiesiger gesellschaftlicher und personaler Befindlichkeit sein (können). Aber das ist immer noch besser als das Ignorieren oder die Duldung von oder gar die Erheiterung bei „ach doch witziger“ Diskriminierung.

Michael Wilmes, Ralingen

Es war ja gewusst! TV-Ausgabe vom 5. März, erste Seite und Seiten 4 und 7: Kramp-Karrenbauer.

Auf den Seiten 2, 9, 10, 11, 13, 14: Karneval aus Trier und Umgebung. Vielen Dank für die schönen Bilder und Berichte. Weniger schön finden wir den Leitartikel von Werner Kolhoff. Da ist mal eine Politikerin, die mit, wie Sie schreiben, Herz und Humor auf der Bühne steht und sagt, was sie denkt. Doch was hält Herr Kolhoff von Narrenfreiheit? Wenn die Narren über Politik im Fernsehen reden, darf es keine Kritik geben, nur umgedreht reicht es zu einem Leitartikel. Sie legen doch großen Wert auf Pressefreiheit, wenn aber Leute mit derselben Freiheit sprechen, hört die Toleranz auf. Zum Schluss schreiben Sie: Als größter Witzbold ist noch keiner Kanzler geworden. Dazu sagen wir Ihnen: Besser eine Kanzlerin, die Politik und Witze machen kann, als ein Kanzler, der sich nach Ihren Leitartikeln ausrichtet.

Gertrud und Rudolf Pauli, Föhren