Guttenberg inszeniert selbst seinen Rücktritt wie großes Kino

Guttenberg inszeniert selbst seinen Rücktritt wie großes Kino

Er war der große Hoffnungsträger, der die CSU sogar Träume vom Kanzleramt träumen ließ - nun tritt Karl-Theodor zu Guttenberg ab. Beim Abtritt lässt er alles Mögliche, aber kein Schuldbewusstsein erkennen.

Auch im Sturz wird Haltung bewahrt. "Meine Damen und Herren, der Minister!", ruft um 11.16 Uhr Pressesprecher und Kapitän zur See, Christian Dienst. Karl-Theodor zu Guttenberg biegt um die Ecke, er schreitet die Treppe hinab in die schwulstige Säulenhalle des Verteidigungsministeriums. Hinter ihm sind nichts und niemand. Seine Schritte sind etwas weniger federnd, sein Blick ist ernst, sein Äußeres ist perfekt. Ein Rücktritt, der zum dramatischen Abgang stilisiert wird. Großes Kino.

Guttenberg geht zum schwarzen Rednerpult, legt sein zweiseitiges Manuskript ab. Er steht auf einem blutroten Teppich, der schemenhaft ein Luftbild des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Berlins zeigt. Unter ihm liegt die Hauptstadt also in Trümmern. So wie die Karriere des Ministers.

Das politische Berlin ist elektrisiert. Und schockiert. Bild - wer sonst als die Hauspostille des Verteidigungsministers - hat vermeldet: "Guttenberg tritt noch heute zurück." Der beliebteste Politiker der Deutschen, der Mann, der bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender hätte werden können, sogar Kanzler, wie es geheißen hat, schmeißt nach nicht enden wollender Kritik am Umgang mit der Plagiatsaffäre seine Ämter hin.

"Grüß Gott", sagt Guttenberg, nachdem er die Treppe heruntergekommen ist. Er senkt den Blick, seine Hände zittern ganz leicht. "Es ist der schmerzlichste Schritt meines Lebens", beginnt er seine Erklärung. Das Amt, die Bundeswehr, die Wissenschaft und die Unionsparteien drohten Schaden zu nehmen. Dann schiebt er die Schuld für den Rücktritt anderen zu: Er stehe zu seinen Schwächen und Fehlern, aber es habe eine "enorme Wucht der medialen Betrachtung" seiner Person gegeben. Er könne es nicht mittragen, dass die Affäre auf dem Rücken der Soldaten ausgetragen werde. Der Abschluss seiner Erklärung lautet: "Ich war immer bereit zu kämpfen. Aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht."

Guttenberg dreht sich wie auf Befehl um, mit durchgedrücktem Kreuz schreitet er die Treppe wieder hinauf. Der Minister verlässt erhobenen Hauptes sein Amt, eigentlich müsste Kapitän Dienst jetzt rufen: "Lang lebe der Minister!" Doch nur das Klicken der Fotoapparate ist zu hören. Live-Bilder sind verboten, ein gewiefter Fernsehmann lässt sein Handy an, so dass sein Sender wenigstens den Ton direkt übertragen kann. Guttenberg ist gegangen. Irgendwo knallt eine Tür. Schluss, Aus, Abspann. Wer so geht, kommt früher oder später wieder.

Angela Merkel landet um 12.45 Uhr mit dem Hubschrauber im Garten des Kanzleramtes. Hallo Krise, ich komme, die Operation Nachfolge kann beginnen. Auch die Regierungschefin ist vom Schritt ihres Verteidigungsministers überrascht worden, morgens per Telefon auf der Cebit in Hannover. Es folgen hektische Telefonate mit den Spitzen ihrer Koalition, Horst Seehofer (CSU) und Guido Westerwelle (FDP). Der genaue Zeitpunkt kommt für alle überraschend, aber dass Guttenberg sich nur schwer würde halten können, dass ist in der Union vielen schon seit einigen Tagen klar.

Guttenbergs Doktorvater, Professor Peter Häberle, war am Montag auf Distanz zu seinem Schützling gegangen, Bildungsministerin Annette Schavan hatten offen von Scham gesprochen, 20 000 Doktoranden aus der ganzen Republik eine Unterschriftenaktion vollzogen. Die Abgeordneten aus den wahlkämpfenden Landesverbänden der CDU hätten sich in den letzten Tagen zunehmend negativ geäußert, heißt es. Grund sei gewesen, dass Guttenberg darauf beharrt habe, seine Doktorarbeit nicht mit Vorsatz gefälscht zu haben, eine andere Erklärung aber nicht nannte. Viele Abgeordnete hätten gesagt: "Wenn Guttenberg das nicht erklären kann, wie sollen wir es dann den Wählern erklären können?" Auch in der FDP wird über die Rücktrittsgründe spekuliert. Hier kursiert noch eine andere Vermutung: "Es war die Familie, der adelige Guttenberg-Clan", meint einer aus der Spitze. "Die wollten ihren Namen nicht länger durch den Dreck ziehen lassen."

Ist jetzt tatsächlich alles vorbei für Guttenberg? Die Antwort darauf gibt Angela Merkel: "Es wird sicherlich nicht das letzte persönliche Gespräch von ihm mit mir sein." Man kann daraus schließen, dass eine Wiederkehr nicht ausgeschlossen ist. Genauso aber kann es eine Floskel sein. "Betrübt" sei sie, betont die Kanzlerin, die sich gleich nach ihrer Landung im Kanzlergarten noch einmal mit Guttenberg getroffen hat. Sie sagt es mit einem merkwürdigen Lächeln, wie sie ohnehin merkwürdig entspannt wirkt. Es ist jetzt auch die Zeit der Krokodilstränen, die vergossen werden.

In München etwa, wo CSU-Chef Seehofer den Freiherrn über den grünen Klee lobt und sich selbst "erschüttert" zeigt. Jeder weiß, dass er ihn als Konkurrenten gefürchtet hat. Oder im Auswärtigen Amt in Berlin, wo FDP-Chef Guido Westerwelle umständlich, aber theatralisch von einer "Entscheidung der Konsequenz" spricht und zu Guttenberg "alles Gute" wünscht. Beide haben sich nie gemocht. Großes Kino - weit und breit.

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