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Die Skulptur "Europa und der Stier" von Jupp Zimmer in Trier wurde eingezäunt. Dabei ist sie öffentliches Eigentum.

Kunst am Bau : Europa – hinter Gittern

Kunst am Bau kann plötzlich politische Symbolkraft entwickeln – etwa wenn man das Gelände einzäunt, auf dem eine Plastik steht.

Sie steht auf heiligem Grund, auf einer grünen Insel zwischen der ehemaligen Reichsabtei St. Maximin, Funktionsbauten aus den 1960er Jahren und Modulgaragen. Unweit der Wiese liegt das Gräberfeld, auf dem die Gründer des Bistums Trier, Agritius (260 – circa 329) und Maximin (Ende des 3. Jahrhunderts – 346), ihre letzte Ruhe fanden. Hier ist eine der Wiegen des Christentums.

Und mittendrin wacht „Europa mit dem Stier“. Für die Plastik hat die Bundesrepublik im Jahr 1979 einen Preis von 50 000 DM an den Trierer Künstler Jupp Zimmer (1919-1995) gezahlt. Er hatte einen Wettbewerb gewonnen, den seinerzeit das Bundesvermögensamt ausgeschrieben hatte. Heute ist für die Pflege und den Unterhalt der Stahlskulptur die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) zuständig. In der „Kurzdokumentation von 200 Kunst-am-Bau-Werken im Auftrag des Bundes seit 1950“ aus dem Jahr 2012 wird die Plastik wie folgt charakterisiert: „Entgegen zahlreicher historischer Darstellungen dieses in der abendländischen Kunstgeschichte immer wieder aufgegriffenen Motivs hat die Plastik hier etwas in sich Ruhendes und Friedliches. Mit der Wahl des Motivs setzte Zimmer einen Bezug zur heutigen EU, die durch ihre Gesetzgebung und die Bestimmungsrichtlinien wesentlichen Einfluss auch auf die BImA in Trier hat.“

Für seine plastischen Werke habe Jupp Zimmer häufig Szenen aus der antiken Mythologie gewählt, erklärt Bärbel Schulte. Sie hat als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums 1999 zum 80. Geburtstag des Künstlers die gemeinsame Ausstellung der Gesellschaft für Bildende Kunst Trier und des Städtischen Museum Simeonstift Trier kuratiert. So sei der Mythos, wie der Göttervater Zeus in Gestalt eines zahmen Stieres die phönizische Prinzessin Europa entführt, ein bei Zimmer regelmäßig wiederkehrendes Motiv. „Dank seiner Art zu abstrahieren reduziert er seine Figuren auf ihre Urformen, spürt dem innersten Wesen der Dinge nach und nähert sich ihnen dadurch umso mehr“, sagt Schulte, „seine Werke entfalten eine unmittelbare Mitteilungskraft, so dass der Betrachter sofort Zugang zu ihnen hat und sich mit ihnen identifizieren kann.“

Bis vor wenigen Jahren war die Europa-Plastik frei zugänglich. Doch inzwischen ist die grüne Insel eingezäunt – mit Maschendraht und Gitterstäben. „Genaue Daten“, seit wann die Skulptur so vor Kontakten nach außen so geschützt wird, kann die BImA auf TV-Anfrage nicht nennen. Die Pressestelle der Bundesbehörde sagt zu den Gründen für diese Maßnahmen: „Die Einzäunung war notwendig, da es vermehrt Verunreinigungen rund um die Skulptur gab“.

Dass „Europa“ für die Öffentlichkeit nicht länger zugänglich ist, sieht Bettina Leuchtenberg kritisch, denn – so die Architektur- und Kunsthistorikerin aus Trier – als Kunst am Bau sei sie mit Steuermitteln gefördert worden. Und diese Werke repräsentierten symbolisch eine offene Gesellschaft. „Die Augen sind die ersten Sinnesorgane, die Kunst wahrnehmen, vor allem auch wenn man die Größe der Bauwerke und die entstehenden Sichtachsen mitdenkt. Kunst am Bau regt auch die anderen Sinne an, wenn man sie anfasst und fühlt“, sagt Leuchtenberg. „Der Zaun bildet eine Barriere, welche die Kunst nicht länger erlebbar macht.“

Abgeschottete Kunst: Wer „Europa mit dem Stier“ aus der Nähe sehen möchte, muss die Absperrung überwinden. Foto: Alexander Schumitz

Die BImA will „Europa“ wieder ihre Freiheit zurückgeben: „Wir wollen die Grünfläche inklusive der Umfriedung neu planen. Dadurch soll dem Kunstwerk wieder der entsprechende Repräsentationsraum gegeben werden.“ Entsprechende Abstimmungsgespräche will die Bundesbehörde mit den Erben des 1995 verstorbenen Künstlers führen. Die Planungen für eine Neugestaltung der gesamten Liegenschaft sollen noch diesen Monat beginnen. Weil politische Bezüge des Umgangs mit der Plastik nicht fernliegen, betont die BImA, dass mit ihrer Einzäunung „kein wie auch immer geartetes politisches Statement verbunden sei“.