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Hal Johnson im Interview: „Wir bluten, aber hungern nicht“

Interview : Hal Johnson über Album-Release in der Coronakrise: „Wir bluten, aber hungern nicht“

Neues Album, Deutschlandtour: Es sollte ein aufregender Frühling für Hal Johnson werden. Doch durch die Corona-Krise kam alles anders. Im Interview spricht Schlagzeuger Felix Overhoff über die Auswirkungen der Pandemie auf die junge Band, ihr Album und ihre geplatzte Tour.

Wie ist es, mitten in der Coronakrise ein Album herauszubringen? Gibt es da Besonderheiten?

FELIX OVERHOFF Es ist auf jeden Fall anders, als Band zu dieser Zeit was zu veröffentlichen. Bei uns gibt es irgendwie zwei Seiten: Einerseits ist es ärgerlich, dass die Tour zum Album abgesagt wurde. Anderseits merke ich aber auch, dass wir im Social-Media-Bereich einige Sachen von der To-Do-Liste streichen können, für die wir sonst keine Zeit hatten. Das war jetzt in den Wochen vor dem Release ganz gut getimed. Aber viel schöner wär’s gerade trotzdem, mit all den Leuten im Real-Life das Album zu feiern.

Hat das bisher Auswirkungen auf Verkaufs- oder Streamingzahlen?

OVERHOFF Schwierig zu sagen, da es unser erstes Album ist. Unsere Streamingzahlen sind seit der ersten Single auf jeden Fall angestiegen. Die Verkaufszahlen sind auch nicht mit vorherigen Releases zu vergleichen. Es ist momentan alles etwas verrückt. Ich denke schon, dass uns das etwas in die Karten gespielt hat, da viele Menschen im Moment einfach viel Zeit haben. Aber da kann ich auch nur spekulieren.

Auch wenn die Zahlen gut sind: Eigentlich stünde gerade eine deutschlandweite Tour auf dem Programm. Wie sehr schmerzt es für eine junge Band wie Hal Johnson finanziell, wenn eine solche Tour wegbricht?

OVERHOFF Besonders nach dem Album-Release schmerzt das schon etwas. Wir haben 500 Platten pressen und Merchandise für die Tour drucken lassen. Die Tour wäre eine gute Möglichkeit gewesen, schnell viel Merchandise zu verkaufen. Auch weil wir live die Chance haben, die Leute „persönlich“ zu überzeugen. Da muss man jetzt online kreativer werden. Die Tour hätte auf jeden Fall geholfen, die entstanden Kosten wieder zu decken. Wir sind gerade etwas am „bluten“, aber wir müssen noch nicht hungern.

Kann es durch die Krise einen Punkt für junge Bands geben, an dem die Musik nicht mehr finanzierbar ist?

OVERHOFF Ich denke das hängt davon ab, wie lange diese Krise noch anhält und wie sich alles entwickelt. Für alle Musiker ist das gerade eine neue Situation, ich denke aber wenn man aktiv bleibt und versucht "am Ball zu bleiben", soweit das möglich ist, passiert das nicht. Aber ich bin auch kein Finanzprofi.

Ist es schwer, nicht "normal" proben zu dürfen?

OVERHOFF Langsam fange ich auf jeden Fall an nervös zu werden. Wir hatten uns schon gefreut, das Album für die Tour zu proben. Leider geht das aber nicht. Jetzt proben wir unsere Parts – so gut es geht – von zuhause aus. Aber die Proben fehlen schon sehr, es war auch immer eine gute Möglichkeit, Sachen direkt zu besprechen. Naja, bald geht’s hoffentlich wieder los.

...das sollte es auch, schließlich soll die Tour irgendwann nachgeholt werden.

OVERHOFF Ja. Wir hatten sie teilweise schon auf Juli/August verlegt. Naja, ein zweiter Versuch ist gerade im Gange.

Wie schwer ist es, Ersatztermine zu finden? Viele Bands suchen momentan gleichzeitig.

OVERHOFF Ziemlich schwer. Vor allem weil einige Locations in denen wir spielen wollten noch gar nicht wissen, ob die nach der Krise noch existieren. Niemand weiß momentan so recht, wann es genau weiter gehen darf. Auf der anderen Seite ist es ärgerlich für die Arbeitenden unter uns, da der Urlaub für die Tour teilweise nicht mehr zurückerstattet werden konnte und somit für eine große Ersatztour am Stück fehlt. Im Moment warten wir erstmal ab und hoffen, dass es möglichst bald wieder auf die Straße geht.

Skurrile Situation, nicht zu wissen ob man für die eigene Tour Urlaub bekommt.

OVERHOFF Ja, ungewohnt! Zum Glück haben wir ein paar Leute, die im Notfall am Bass oder Gitarre aushelfen könnten. Tourabsagen sind eigentlich keine Option – außer bei Corona.

Zum Abschluss was Positives: Was kann die Musikszene Gutes aus der Krise mitnehmen?

OVERHOFF Ich kann da bisher zum Großteil nur aus eigener Erfahrung sprechen. Aber ich denke, mal nicht ständig unterwegs und quasi immer "on the run" zu sein, tut auch mal gut. Zur Ruhe kommen, vielleicht mal ein neues Instrument ausprobieren oder alte Songprojekte fertigstellen. Einmal alle die Batterie laden und wenn es wieder losgehen darf, mit doppelt so viel Anlauf und Schweiß rocken!