Mikaël Serre inszeniert die Puccini-Oper „La Bohème“ am Theater Trier.

Oper : Todesursache: Traurigkeit

Als die Künstler sich vermarkten mussten: Mikaël Serre inszeniert „La Bohème“ am Theater Trier. Am Samstag ist Premiere.

Auf den Hitlisten der erfolgreichsten, beliebtesten und meistgespielten Opern nimmt Giacomo Puccinis „La Bohème“ mit schöner Regelmäßigkeit einen der oberen Plätze unter den ersten zehn ein. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die tragische Liebesgeschichte der lungenkranken Mimi und ihres Wohnungsnachbarn Rodolfo nicht auf irgendeiner Bühne dieser Welt aufgeführt wird. Was also kann man an neuen Erkenntnissen aus einem so populären Werk gewinnen, außer dass man sich im Winter besser warm anziehen, öfter mal zum Arzt gehen oder zumindest eine Reserveschachtel Streichhölzer in der Schublade haben sollte, falls der Wind die Kerze ausbläst?

Genau das sei die Herausforderung, erklärt Mikaël Serre, Regisseur aus Frankreich, der zum ersten Mal in Trier arbeitet und zum zweiten Mal (nach „Hoffmanns Erzählungen“ 2017 an der Opéra de Dijon) eine klassische Oper inszeniert (zuvor hat er zumeist moderne beziehungsweise eigene experimentelle Werke auf die Bühne gebracht). „Ich selbst hätte als Regisseur nicht La Bohème ausgesucht“, gesteht er. „Aber wenn mich jemand fragt, überleg doch mal, was du aus diesem Stück machen könntest? Dann wird mir klar: Ja, genau darin besteht doch meine Arbeit: Herausforderungen annehmen und bewältigen.“

Nach zwei Monaten intensiver Beschäftigung hatte es dann Klick gemacht, und er fand den roten Faden: sein Thema ist der Künstler in einer sich wandelnden Gesellschaft. „Die Oper spielt zu einem Zeitpunkt, als Maler, Musiker, Dichter angefangen haben, selbstständig zu sein, nicht mehr von Förderern, Gönnern oder Mäzenen unterstützt zu werden. Auf einmal mussten sie sich vermarkten und um ihre Existenz kämpfen. Genau das ist auch die Problematik der Figuren in der Oper.“

Im Libretto wie in der Partitur hat Serre Erfahrungen der Schöpfer aufgespürt: „Puccini und Henri Murger, der mit seinem autobiografisch gefärbten Roman ,Les scènes de la vie de bohème‘ die Vorlage zur Oper lieferte, haben im Prinzip von sich selbst erzählt. Es ist quasi eine dokumentarische Oper, ein musikalisches Selfie.“ Damals habe der Kunst„betrieb“ an Fahrt aufgenommen; Künstler seien nicht mehr eigenbrötlerische Schöpfer gewesen, sondern hätten mit der (Um)Welt Kontakt aufnehmen müssen – eben um, siehe oben, Kundschaft zu gewinnen.

Und jetzt kommt Mimi ins Spiel, die Bürgerliche-Unkünstlerische, die eigentlich gar nicht in diese Bohème-Kreise hineinpasst und bis zum Schluss in der Gruppe eine Fremde bleibt. Inspiriert zu dieser Sichtweise wurde Serre unter anderem durch den Film „Blau ist eine warme Farbe“ von Abdellatif Kechiche, in dem eine 15-Jährige aus dem Arbeitermilieu sich in eine Künstlerin verliebt und deren Beziehung schließlich an den unterschiedlichen Welten scheitert, in denen die beiden Frauen leben. Auf die Oper übertragen bedeute dies, Mimi ist der Fremdkörper, die es nie „in diese egoistische, um sich selbst kreisende und brutale Kunstwelt hineinschaffen wird“. Daran geht sie zugrunde.

In Serres Version verweigert sie sogar die Hilfe der anderen. Aus der Sicht des Regisseurs will sie sterben, weil ein Weiterleben nur Frustration bedeuten würde. Konsequenterweise schreibt Serre die Krankheitsgeschichte der jungen Frau um: „Sie stirbt bei mir nicht an Tuberkulose, sondern aus Traurigkeit.“ Sterben an gebrochenem Herzen – romantischer geht’s kaum.

Es ist nicht allein der neue Blick der Regie auf ein altes Stück, der auch den Dirigenten Jochem Hochstenbach an „La Bohème“ fasziniert, sondern die Partitur selbst, die für ihn nach wie vor „unkonventionell und frisch“ sei. „Bei Puccini denkt man oft, das ist so sentimental, aber eigentlich ist das Stück überhaupt nicht sentimental. Da ist keine Note und keine Pause überflüssig. Die ganze Musik dauert ja gerade mal eine Stunde und 40 Minuten – das ist nicht viel für eine Oper.“ Der GMD gerät ins Schwärmen: „In der Partitur steckt so viel Kraft, dass man jedes Mal das Gefühl hat, es mit einem neuen Werk zu tun zu haben.“

Und wie funktioniert das mit einem Ensemble, das laut Opernchef  Jean-Claude Berutti ein „Mozart-Ensemble“ ist? Puccini verlangt von seinen Sänger(inne)n schließlich ein bisschen mehr Kawuppdich als der Salzburger Meister. Oder erwartet das Publikum einen mozartesken Italiener? „Jein“, antwortet Holstenbach und erklärt: „,La Bohème‘ ist ja für junge Sänger geschrieben, die ein bisschen mehr Saft haben –, und das hat unser Ensemble.“ Das Spannende an der Sache sei, dass „die Partitur auf Risiko angelegt ist. Es ist nicht nur schwer zu spielen, sondern auch singend darzustellen, denn es gibt fast keine Passage, die in einem ruhigen, nachvollziehbaren Tempo angelegt ist. Die Musik ist so wagemutig notiert, dass der Komponist von Anfang an gewusst haben muss: Das kann man gar nicht perfekt aufführen. Klar, er hätte eine ruhigere Gangart finden können. Aber das wäre dann nur der halbe Spaß gewesen.“

Den ganzen können die Zuschauer erstmals am Samstag, 14. September, um 19.30 Uhr im Großen Haus des Theaters Triers erleben.

Karten gibt es online auf www.theater-trier.de, unter der Mailadresse theaterkasse@trier.de sowie unter Telefon 0651/ 718-1818.

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