Rezension: Matthias Brandts "Blackird" führt zurück in die 70er.

Buchkritik : Das reale Leben in schnoddriger Sprache

Musik der Siebziger, Amselfelder Rotwein, Salamibrote (selbstverständlich mit Gewürzgurke), Softsexfilme à la Bilitis, Tennis sowie Holland- und Bonanzaräder. Wer von den in dieser Zeit Aufgewachsenen kennt sie nicht – ähnliche „Erinnerungsfetzen“ an die Jugendjahre?

Musik der Siebziger, Amselfelder Rotwein, Salamibrote (selbstverständlich mit Gewürzgurke), Softsexfilme à la Bilitis, Tennis sowie Holland- und Bonanzaräder. Wer von den in dieser Zeit Aufgewachsenen kennt sie nicht – ähnliche „Erinnerungsfetzen“ an die Jugendjahre?

Das Leben könnte so einfach sein, aber … Nach einem Telefonanruf ist für Motte, wie der 15-jährige Morten Schumacher genannt wird, nichts mehr wie zuvor. Er erfährt, dass sein bester Freund Bogi sehr krank ist, am sogenannten Non-Hodgkin-Lymphom leidet, an dem er schließlich auch stirbt. Neben dieser Erfahrung des Todes wird Motte erstmals mit dem Erfahren der Liebe konfrontiert: Er schwärmt für Jacqueline Schmiedebach vom Einstein Gymnasium, doch statt mit Erfüllung endet für ihn diese Beinahe-Beziehung auch in der „Katastrophe“, wie er  mehrfach selbst sagt. Zudem wird die Pubertät zusätzlich von der Scheidung der Eltern sowie von sadistischen „Nazisportlehrern“ oder ihren „auf Kumpel machenden“ sozialdemokratisch angehauchten „Kollegen“ erschwert. Die weiteren Figuren bzw. Charaktere des Romans, der in einer bundesrepublikanischen Kleinstadt in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts angesiedelt ist, werden den Lesern noch einige Zeit nach Beendigung des Werks in Erinnerung bleiben: die Schornsteinfegerin Steffi, Neandertal-Klaus, Bademeister Elvis, Freund Walki oder auch die Studienräte Gallenkamp (der ständig von seinen „Brachtgubbis“ schwärmt) oder Meinrath Vogt mit seinem „Open House“. Der Ich-Erzähler Motte schreibt in einer äußerst lässigen, ja  geradezu „schnoddrigen“ Sprache. Es ist mehr als erstaunlich, wie sich der inzwischen 57-jährige Autor Brandt an die Wörter seiner Jugendzeit rückerinnert. Auch deftige Ausdrücke wie Hack- und Kackfresse, Voll- und Halbhorst oder auch Pissnelke, Behindi, Dummklumpen oder Flachzange sind ihm für seinen ersten Roman nicht zu abgeschmackt, auch Metaphern aus der damaligen Jugendsprache („Mein Vater zog mit seiner neuen Freundin in irgendein Nest, in dem ich noch nicht mal tot überm Zaun hätte hängen wollen. Es war nicht wirklich am Arsch der Welt, aber man konnte ihn von da aus schon sehen.“) finden sich häufig. Für das real Erlebte – seine einsame Mutter und den dahinsiechenden Freund – fehlen Motte die Worte. Der erfolgreiche Schauspieler Matthias Brandt, Sohn des vierten Bundeskanzlers, debütierte 2016 als Schriftsteller mit dem vielbeachteten Erzählungsband „Raumpatrouille“, der Geschichten aus seiner eigenen Jugend als Kanzlersohn mit gebührendem Humor zum Besten gab. Jetzt in seinem ersten längeren Opus macht sich Brandt von der eigenen Kindheit frei, geht jedoch erneut in die Zeit seiner Jugend – die 70er Jahre – zurück und brilliert mit einem Roman, der zwischen ziemlich traurigen, tragischen Begebenheiten und recht komischen, satirischen Szenen schwankt. Wie im richtigen Leben halt – Grundsätzliches und Nebensächliches liegen eng beieinander. Äußerst lesenswert. Jörg Lehn

Matthias Brandt, Blackbird, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2019, geb., 288 Seiten, 22 Euro.

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