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So war es beim Heimspiel Knyphausen in Eltville mit Bilderbuch & Co.

Musik : Warum das „Heimspiel“ ein Festival wie kein anderes ist

Es ist das vielleicht entspannteste Drei-Tage-Musik-Festival im Südwesten - und auch eins der schönsten: So war es am Wochenende beim „Heimspiel Knyphausen“ in Eltville am Rhein mit „Husten“, Bilderbuch und vielen anderen Bands.

Auch im eigenen Garten, auf der eigenen Bühne, ist der Hausherr vor albernen Fragen nicht geschützt. „Warum gibt’s hier kein Bier?“, ruft einer aus dem Publikum rein, vermutlich aus Spaß, in Richtung Bühne, wo gerade Gerko Freiherr von Knyphausen mit den Enkeln die nächste Band ankündigt - die seines Sohns Gisbert zu Knyphausen, „Husten“.

„Bier? Um Gottes Willen“, kontert er knapp. So weit kommt’s noch! Dass auf dem Weingut beim „Heimspiel Knyphausen“ Hopfen und Malz nichts verloren hat, das hat Tradition, Bier gibt’s eben nicht. Es ist ein Alleinstellungsmerkmal, sicher nicht bei Weinfesten, aber bei einem mehrtägigen Musikfestival eben schon. Hier gibt es Wein, Sekt, Wasser, Softdrinks und für ein mit 2000 Besuchern gar nicht so kleines Festival erstaunlich gutes Essen.

Das „Heimspiel“ im Draiser Hof - dem schlossartigen Anwesen der zu Knyphausens - ist nun keines von vielen Weinfesten im Rheingau, kein Hoffest, sondern eines der interessantesten Musikfestivals im Südwesten – jedenfalls für diejenigen, die eher im Indie- als im Mainstreambereich zu Hause sind und die gerne ein entspanntes Festival erleben, das zwar über drei Tage geht, dabei aber ohne die ganzen „Zu“ auskommt: Zu viele Bands (es gibt nur eine Bühne)? Nein! Zu wenig Schlaf (um 23 Uhr ist abends Schluss)? Nein, nein. Viele bringen auch ihren Nachwuchs mit, für Kinder bis zwölf Jahre ist der Eintritt kostenlos.

Das Festival hat natürlich einen Standort-Vorteil: Gisbert zu Knyphausen – erfolgreicher Songwriter, der auch schon oft in der Region Trier zu Gast war – hat zwar im Gegensatz zu Bruder und Vater mit Weinherstellung nichts zu tun, aber wenn er einmal im Jahr am letzten Juli-Wochenende sein „Heimspiel“ feiert, dann ist das ein Ereignis. Egal, ob er nun selbst spielt oder nicht. So war’s auch am vergangenen Wochenende bei der seit Monaten ausverkauften 2022er-Auflage.

Da passte schon am Freitagabend alles: Nach dem Auftritt von David Julian Kirchner (und einem Sommerregen-Schauer in der Umbaupause) stellte „Husten“ das neue Album „Aus allen Nähten“ vor - es war erst der zweite Auftritt der Band, zu der neben Gisbert zu Knyphausen Moses Schneider (bekannt als Produzent von Tocotronic und Beatsteaks) und „Der Dünne Mann“ gehören. Also durchaus ein besonderes Erlebnis - zumal die Supergroup schon vor fast fünf Jahren die ersten Songs veröffentlicht hat. Live sind sie zu sechst auf der Bühne - und „Husten“ schafft es direkt, sich in die Herzen zu spielen: Mit ihrer Lust, fast jeden Song anders klingen zu lassen - und dabei trotzdem immer wieder ein paar anrührende Gisbert-Momente zu erzeugen (wie in „Maria“ oder in „Wind in den Antennen“).

Der Freitags-Headliner Bilderbuch hatte wenige Tage zuvor noch als Support für die Rolling Stones in Wien gespielt - nur, dass sie dort keine Kinder auf der Bühne hatten oder Eltern ausrufen mussten, die ihren Sohn doch bitte abholen mögen. Aber das war nur eine Randnotiz in einer ziemlich perfekten Show, die demonstrierte, warum es die Österreicher innerhalb von wenigen Jahren von kleinen Festivals wie dem Sound&Vision in Trier auf die großen Bühnen geschafft haben.

Besonders gefeiert werden beim „Heimspiel“ die Stücke vom Album „Schick Schock“ - etwa „Willkommen im Dschungel“, „Spliff“ und „Maschin“. Optisch und akustisch ist bei Bilderbuch auch der Glamrock zurück. Gitarrist Michael Krammer hängt sich passend dazu auch eine Doubleneck-Gitarre der feinsten 70er-Art um den Hals.

Am Samstag spielten unter anderem die US-Band „Algiers“ (mit dem früheren Bloc-Party-Schlagzeuger Matt Tong) und eine der aktuell aufregendsten Bands der Niederlande, Yin Yin aus Maastricht.

Der Sonntag ist beim „Heimspiel“ immer früh zu Ende - schließlich müssen die meisten am Montag wieder zur Arbeit. Zum Abschluss spielte nachmittags die englische Indierock/Postpunk-Band „Porridge Radio“ mit Sängerin Dana Margolin - die Band gastiert am 5. Dezember auch in Luxemburg (Rotondes).

Im nächsten Jahr findet das „Heimspiel Knyphausen“ vom 28. bis 30. Juli statt.