Barbara Krämer – eine renitente Lehrerin in der NS-Zeit in Wittlich

Geschichte : Barbara Krämer – eine renitente Lehrerin in der NS-Zeit

Schulrat Strupp schreibt Ende Januar 1944 an die Volksschullehrerin Barbara Krämer in Bombogen bei Wittlich: „Wie mir mitgeteilt wird, betätigen Sie sich noch innerhalb der Kirche dergestalt, dass Sie bei kirchlichen oder gottesdienstlichen Veranstaltungen die Orgel spielen.

Eine derartige Beschäftigung ist laut Verfügung des Herrn Regierungspräsidenten ausdrücklich verboten. Bevor ich das Erforderliche hiergegen veranlasse, bitte ich um dienstliche Mitteilung, ob Sie bisher die Orgel spielten und bei welchen Anlässen Sie sich hierin betätigten. Gleichzeitig ist anzugeben, wie oft Sie diese Tätigkeit ausübten und welchem Auftrage Sie handelten.“ Im Prinzip kein bedeutender Vorgang, aber bezeichnend für die Schikanen gegen unangepasste und renitente „Volksgenossen“ in der NS-Zeit.

Die Liste der Vorhaltungen gegen die Bombogener Lehrerin wegen ihrer „Verfehlungen“ im NS-Regime ist lang und von Zeitzeugen nach 1945 glaubwürdig belegt. So überrascht es nicht, dass Lehrerin Krämer schon Ende 1933 vom damaligen NSDAP-Kreisleiter Loosen strafversetzt werden sollte – dagegen protestierten viele Eltern, und so konnte sie weiter unterrichten. Dass die Lehrerin den B.D.M., die NS-Jugendorganisation für Mädchen, nicht unterstützte, wurde wiederholt vom Kreisleiter gemaßregelt, und auch aus der Organisation selbst erfolgten Anzeigen bei der Schulbehörde, weil Krämer vor der Klasse den „Hitler Gruß“ unterlassen hatte. Selbst die Tatsache, dass die Lehrerin in Wittlich „beim Juden einen Mantel gekauft hatte“, zog eine Vernehmung nach sich. Dabei kam auch zur Sprache, dass Barbara Krämer noch immer trotz Verbots das Alte Testament im Unterricht behandelte.

Der seit 1934 in Wittlich wirkende NS-Fanatiker Friedrich Engels, Rektor der katholischen Volksschule und Leiter des hiesigen Nationalsozialistischen Lehrerbundes (N.S.L.B.), hatte Lehrerin Krämer schon bald im Visier und jagte sie vor der gesamten Lehrerinnenschaft des Kreises Wittlich aus einer Versammlung heraus. Ein Grund dürfte gewesen sein, dass Lehrerin Krämer in der Region den Verein der katholischen Lehrerinnen (VkdL) leitete und damit einigen Einfluss auf ihre katholischen Kolleginnen ausüben konnte.

Schulrat Grauvogel verdonnerte sie dazu, jeden Monat eine mehrseitige Arbeit über Hitlers „Mein Kampf“ und immer wieder schriftliche Unterrichtsvorbereitungen abzuliefern. Das Verdienstzeichen zum 25. Dienstjubiläum wurde ihr verweigert. Eine weitere Schikane war eine Strafversetzung 1942 nach Capellen, südwestlich der Stadt Luxemburg. Schon nach wenigen Wochen kehrte Krämer zurück, weil sie sich nicht im Sinne der Volksdeutschen Bewegung betätigte, sondern überwiegend neben ihrer Schularbeit den Pfarrer unterstützte. Als dieser Mann 1944 seine im Frauenlager Flußbach internierte Mutter Eugénie besuchte, unterstützte Barbara Krämer ihn vor Ort. Das Urteil von Schulrat Strupp war in der damaligen Zeit vernichtend – heute erscheint es wie eine Anerkennung: „Sie sind die politisch unzuverlässigste Erzieherin meiner beiden Aufsichtsbezirke Bernkastel und Wittlich; seit 1933 hört man von Ihnen nur politische Unzuverlässigkeit.“

Ganz konnte Barbara Krämer dem politischen Druck nicht standhalten. Im Jahr 1936 übernahm sie die NS-Frauenschaft des Ortes, allerdings nicht aus eigenem Antrieb. Der frühere Kaplan von Lüxem erklärte 1947 diesen Schritt wie folgt: „Sie stand und blieb mit dem katholischen Pfarramt Bombogen während der ganzen Nazizeit als Lehrerin in aktiver Verbindung, obwohl Pfarrer Kaufmann als ausgesprochener Nazifeind politisch geächtet war. Er war es auch, der sie veranlasste, die NS-Frauenschaft zu übernehmen, einerseits, um über Fräulein Krämer gegnerischen Einfluss darin zu gewinnen und zu behalten, andererseits, um sie selbst als Lehrerin der Pfarrgemeinde zu erhalten.“ In der Spruchkammerakte von Barbara Krämer gibt es zum einen den Hinweis, dass Krämer wiederholt aus der Frauenschaft selbst bei NS-Stellen denunziert und zu Verhören zitiert wurde. Eine Liste mit Unterschriften von 21 Frauen belegt allerdings auch, dass diese Frauen „auf Anraten der damaligen Frauenschaftsleiterin Krämer der Frauenschaft nicht beigetreten sind“.

Im Zuge der sogenannten „Entnazifizierung“ sollte diese Funktion für Barbara Krämer trotzdem zu einer erheblichen Belastung werden: Der Kommissar für die Bereinigung der öffentlichen Verwaltung in Koblenz hatte entschieden, Barbara Krämer zu versetzen und ihr Gehalt um drei Stufen zu kürzen. Dagegen protestierte die Betroffene und fand etliche Unterstützer wie Pfarrer Johannes Schneider, inzwischen Pastor in Bullay, und den amtierenden Bombogener Pfarrer Dr. Dr. Otto Hirtz, der ihr unter anderem bescheinigte: „Fräulein Krämer ist während der ganzen Nazizeit geblieben, was sie immer war: eine vorzügliche katholische Lehrerin vom alten Schlag: ging täglich zur heiligen Messe und Kommunion, spielte täglich in den Gottesdiensten die Orgel, übte auf die Kinder und Jugendlichen der Gemeinde im katholischen Sinne einen starken Einfluss aus.“ Auch Ortsbürgermeister Marx stellte sich hinter Krämer. Pfarrer Hirtz wurde allerdings noch grundsätzlicher, indem er die formalistische und schablonenhafte Praxis der „Entnazifizierung“ hinterfragte und in der Praxis der Spruchkammern eine „schreiende Ungerechtigkeit“ erblickte: „Fräulein Krämer soll gemaßregelt werden, während wirkliche Nazis, die allen Andersgesinnten jahrelang auf die Nerven gingen, ganz ungeschoren durch die ‚Entnazifizierung‘ gekommen sind.“ Am Ende zahlten sich die Fürsprachen für Barbara Krämer aus. Der ursprüngliche Spruch wurde zurückgezogen, und sie wurde nicht einmal – wie die meisten wieder in den Schuldienst übernommen Lehrer – amnestiert.

In Bombogen wirkte Barbara Krämer von 1927 bis zu ihrer Pensionierung 1960. Zusammen mit ihrer älteren Schwester Katharina wohnte sie im Schulhaus. Vor 1933 war Krämer Mitglied der Zentrumspartei – später gehörte sie der CDU an und wurde 1952 in den Kreistag des Altkreises Wittlich gewählt. Der Bombogener Pfarrkirche stiftete die vielseitig interessierte Frau, die etliche Kontakte in die „weite Welt“ pflegte, ein Kirchenfenster. Die aus Dohr bei Cochem stammende, ledig gebliebene Barbara Krämer starb 1969 im Alter von 77 Jahren an ihrem langjährigen Wirkungsort.

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