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Kastanien: Ernte unter 158 Jahre alten Bäumen in Wintrich

Natur : Ernte unter 158 Jahre alten Bäumen

Angesichts des Klimawandels setzen Waldbesitzer verstärkt auf Alternativen wie die Kastanie. Die Nachfrage nach zertifiziertem Saatgut steigt.

Wer auf dem Waldweg mit der dichten Laubdecke, die bei jedem Schritt raschelt, kurz stehen bleibt hört, wie sie auf den Boden fallen. Ein schönes Geräusch für alle, die sich das ganze Jahr über auf Spezialitäten aus frischen Esskastanien freuen. Denn die Früchte der mächtigen Bäume hängen unerreichbar hoch. Oberhalb von Wintrich sind daher im Herbst besonders viele Spaziergänger unterwegs. Der Esskastanienbestand (Info) auf Höhe der Kasholzer Höfe, denen der Baum ihren Namen gibt, ist weithin bekannt. Und das auch in Fachkreisen. Das Unternehmen F.-O. Lürssen Baumschulen aus Denzerheide bei Bad Ems erntet dort seit Jahren Kastanien. Denn deutschlandweit gibt es nur wenige größere Bestände mit Edelkastanien, die die Anforderungen erfüllen, zur Vermehrung zugelassen zu werden.

„Entscheidend dafür ist in erster Linie die Qualität“, erklärt Edgar Naumann, Leiter des Forstreviers Springiersbach-Wintrich. Die Bäume müssten schon „ein gewisses Alter haben“, so wie die im 158 Jahre alten Kasholzer Bestand. Außerdem dürfe Saatgut nicht von einzeln wachsenden Bäumen geerntet werden, sondern nur in größeren Beständen mit zertifizierten Bäumen. In Kasholz trifft das auf einer Fläche von zirka 1,2 Hektar für etwa 85 Bäume zu. Die sind deshalb auch nummeriert. Der schon lange für die Saatgutgewinnung anerkannte Bestand werde bereits seit mehr als 50 Jahren „ertragskundlich untersucht“.

Gewerblich dort ernten dürfen ausschließlich Fachleute wie die der Lürssen Baumschulen. Die Firma erhielt als einer von mehreren Bewerbern den Zuschlag dafür. Dem kommunalen Waldeigentümer, der Ortsgemeinde Wintrich, sichert das laut Naumann Einnahmen von 5000 bis 6000 Euro – und das jährlich. Denn während Saatgut von Eichen oder Buchen nur alle drei bis sieben Jahren anfällt, kann das für Esskastanien jedes Jahr vom Boden aufgelesen werden. Allerdings werde erst seit vier Jahren jährlich geerntet und zuvor nur „hin und wieder“, was sich angesichts des Klimawandels ändert. Seit einigen Jahren steigt die Nachfrage nach widerstandsfähigeren alternativen Baumarten. „Die Kastanie ist eine Baumart, mit der wir versuchen, der Klimaveränderung zu begegnen“, erklärt Naumann. Auch die Eiche sei „erfreulich gesund“. Doch längerfristig erfolgversprechend ist für ihn nur eine Mischung wie ein „Laub-Mischwald mit Nadelholzanteil“.

 Die Kasholzer Kastanien kommen offensichtlich gut zurecht mit klimatischen Veränderungen. Albert Weiß von den Lürssen Baumschulen wird daher wohl auch künftig dort Saatgut ernten können. In diesem Jahr hätten sie 750 Kilo Kastanien aufgelesen – mit elf Mann an nur einem Tag und Stück für Stück. „Wenn alles gut geht, gibt das 75 000 Pflanzen“, freut er sich über den Ertrag. Denn eine gute Kastanienernte ist auch immer witterungsabhängig und kann durch zu viel Regen zur falschen Zeit zunichte gemacht werden.

Den Kasholzer Bestand bezeichnet Weiß als „ein bisschen außergewöhnlich“. An der Mosel gebe es zwar auch andernorts Edelkastanien, da die Region die klimatischen Voraussetzungen biete. Doch Waldbestände wie in Kasholz seien selten. Und an wohnortnahen Standorten seien Menschen oder auch Wildtiere immer näher dran, sodass es dort kaum möglich sei, im erforderlichen größeren Umfang Saatgut zu ernten.