Die Sprache ist zu oft das Stiefkind

Die Sprache ist zu oft das Stiefkind

Den europäischen Tag der Logopädie am heutigen 6. März nutzen auch Logopädinnen der Region, um auf die Versorgungssituation hirngeschädigter Menschen aufmerksam zu machen.

Trier/Wittlich. "Die Sprache ist das Tor zur Welt." Welche Bedeutung diese Erkenntnis hat, wird oft erst deutlich, wenn die Sprache und das Sprechen eingeschränkt oder nicht mehr verfügbar sind. Ursache kann eine Hirnschädigung sein - infolge eines Unfalls, Schlaganfalls oder einer Operation. In Deutschland sind etwa 200 000 Menschen davon betroffen, bei 80 000 Neuerkrankungen pro Jahr. Viele benötigen eine logopädische Therapie.

Doch der GEK-Heil- und Hilfsmittel-Report 2007 hat ergeben, dass gut drei Viertel der Aphasiker nach ihrem Krankenhausaufenthalt keine Rehabilitationsmaßnahme in Anspruch nehmen. Von diesen erhalten nur 17,5 Prozent eine logopädische Verordnung. "Diese Zahlen sind ein Skandal", so Dr. Monika Rausch, Präsidentin des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie (dbl).

Sprachstörungen nach einer Hirnschädigung können verschiedene Bereiche betreffen, erklärt die Trierer Logopädin Marlene Scheid. "Sprechen, Lesen, Schreiben und Verstehen können jeweils unterschiedlich stark gestört sein. Es gibt Patienten, die nur noch einzelne Floskeln äußern können, und solche, die einen unverständlichen Laut- und Wortsalat produzieren. Manche finden die Wörter nicht, oder es kommt nicht das heraus, was sie sagen wollen."

Auch die Grammatik kann durcheinandergeraten. Eine logopädische Behandlung der sogenannten Aphasie gehört zu den Regelleistungen der Krankenkassen. Sie sollte möglichst früh nach der Hirnschädigung begonnen werden und zwei- bis fünfmal wöchentlich stattfinden. "Besonders im ersten Jahr nach der Hirnschädigung können so die besten Ergebnisse für die Patienten erreicht werden", so Scheid, die auch die Aphasiker-Selbsthilfe in Trier mit leitet.

Die Trierer Logopädin Margarethe Mancke weist darauf hin, dass Menschen mit Sprechstörungen aufgrund ihrer sehr undeutlichen Aussprache, veränderter Stimme oder auffälliger Atmung unter einem hohen Leidensdruck stehen: "In der Öffentlichkeit wird oft angenommen, dass sie unter Alkoholeinwirkung stehen, oder es wird eine Geisteskrankheit vermutet." Neben den Sprechstörungen komme auch die Behandlung der Schluckstörungen zu kurz, ergänzt die Wittlicher Logopädin Karin Bingler. Durch die Schädigung des Gehirns kann es zu Problemen beim Essen und Trinken kommen. "Besonders tragisch kann dies für Patienten enden, die nicht mehr husten können, wenn sie sich verschluckt haben", erklärt Karin Bingler. "Ihre Schluckprobleme fallen oft erst auf, wenn sie deswegen wiederholt Lungenentzündungen bekommen, die bei ohnehin geschwächten Patienten tödlich verlaufen können."

Ärzte und Pflegeeinrichtungen müssten weit mehr als bisher für dieses Problem sensibilisiert werden.

extra

Weitere Informationen zu diesen Themen erhalten Betroffene und Angehörige von Experten des Deutschen Berufsverbandes für Logopädie heute, Freitag, zwischen 17 und 20 Uhr unter der Rufnummer 01805 /225513 ( 14 Cent/Minute aus dem deutschen Festnetz, gegebenenfalls abweichende Mobilfunkpreise). Am heutigen europäischen Tag der Logopädie liegt im Patienten-Informationszentrum des Brüderkrankenhauses Informationsmaterial zu dem Thema aus. Zusätzlich gibt es dort auch ein Beratungsangebot. (sys)

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