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Drei Dezibel weniger für Trier

Trier. Tempo 30 zwischen 22 und sechs Uhr - diese Beschränkung wollen Stadt und Land noch in diesem Jahr in der Saar- und Matthiasstraße testen und später auf weitere Verkehrsadern ausweiten. Drei Dezibel sollen den Anwohnern dadurch im Schnitt erspart werden. Eine gewaltige Wirkung, betont Matthias Hintzsche, Lärmexperte beim Bundesumweltamt. Jörg Pistorius

Die Saarstraße an einem normalen Vormittag: Der Berufsverkehr ist zwar bereits vorbei, doch wie immer erlaubt die hohe Zahl an Autos, Bussen, Zweiradfahrern und Zebrastreifen auch außerhalb der Stoßzeiten nur ein gemäßigtes Rollen. Tempo 30 am Tag ist hier Normalität. Eine Testfahrt von der Kreuzung Südallee bis zur Kreuzung Matthiaskloster/Adenauerbrücke dauert bei strikter Einhaltung der 30 Stundenkilometer genau vier Minuten und zwölf Sekunden, beeinflusst von einem zweimal haltenden Bus als Vordermann und der Baustelle in Höhe des Südbahnhofs. Dieselbe Strecke ist abends gegen elf in weniger als zwei Minuten abgehakt. Doch das soll sich ändern. Auch in den Nachtstunden sollen die Autos und Zweiräder in der Saar- und Matthiasstraße nur noch 30 fahren, das sieht ein für 2013 geplantes Pilotprojekt vor (der TV berichtete). Das genaue Datum steht noch nicht fest. Pate ist das Landesumweltamt, das diese Form des Lärmschutzes in Zukunft auch auf Hauptverkehrsadern erlauben will.Dadurch öffnet sich für Trier die theoretische Chance, stark belastete Strecken wie den Alleenring oder die Bonner, Kölner, Aachener und Luxemburger Straße ab 22 Uhr acht Stunden lang auf 30 Sachen herunterzuregeln. Diese Idee hat der Stadtrat bereits im Oktober 2010 mit dem Lärmaktionsplan beschlossen, doch erst jetzt ermöglicht der neue Kurs des Landesumweltamts die Umsetzung. Denn bisher waren Tempobeschränkungen auf Hauptverkehrsachsen nicht zulässig.
Doch was bringt die nächtliche Temposperre tatsächlich? Das Tempolimit soll den Lärm um drei Dezibel senken, so steht es im Lärmaktionsplan von 2010. Der TV sprach mit Matthias Hintzsche, einem Lärmspezialisten des Bundesumweltamts.
"Die Sache ist völlig klar", betont Hintzsche. "Bereits eine Senkung um ein Dezibel nehmen die meisten Menschen als Verbesserung war. Drei Dezibel wären eine beachtliche Minderung des Verkehrslärms und damit auch eine starke Entlastung der Anwohner."
In Großstädten wie Berlin sei Tempo 30 längst alltäglich, sagt der Lärmspezialist. "Die Anwohner haben es vor Gericht erstritten, wenn die Lärmbelastung zu groß geworden ist." Natürlich hält der durchschnittliche Fahrer diese Regel nicht ein. Hintzsche: "Eine Senkung des Tempolimits von 50 auf 30 führt zu einer realen Senkung von 60 auf 40." Zumindest tagsüber. Nachts helfe wohl nur der Druck durch verstärkte Polizeikontrollen.Der Lärm dauert länger
"Die drei Dezibel sind ein Mittelwert", erklärt Matthias Hintzsche. "In Einzelfällen kann der Verkehrslärm um vier oder sogar fünf Dezibel abnehmen." Einen Haken hat die Geschichte allerdings: Der Lärm nimmt ab, aber er dauert länger. "Die Autos fahren langsamer, also wird die Einwirkzeit des Lärms höher."
Lärm selbst ist physikalisch messbar (siehe Extra), seine Wirkung ist es nicht. "Jeder Mensch empfindet Geräusche unterschiedlich", meldet das Bundesumweltministerium. Starker oder dauerhafter Lärm, das stehe zweifellos fest, kann krank machen. Verkehrslärm ist hier der mit Abstand größte Störfaktor: Nach Untersuchungen des Bundesumweltamts fühlen sich 50 Prozent der Menschen in Deutschland durch Straßenverkehr belästigt, 20 Prozent sogar stark beeinträchtigt. Studien und Modellrechnungen zufolge sind sechs Millionen Menschen in den Städten Lärm ausgesetzt, der ein erhöhtes Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen bewirkt. Meinung

Ohne Kontrollen läuft nichts Von Jörg Pistorius Tempo 30 von 22 bis sechs Uhr senkt den Lärm um drei Dezibel, bringt den Anwohnern nachts mehr Ruhe und entschärft möglicherweise auch die Frühphase des Berufsverkehrs - das mag tatsächlich so sein. Doch wer in Trier beispielsweise im Alleenring ein nächtliches Tempo-Limit verhängen will, muss sich darüber im Klaren sein, dass es nur eine einzige wirklich funktionierende Motivation für Autofahrer gibt, dieses Limit auch einzuhalten - die drohende Kontrolle.
Appelle an Vernunft, Einsicht und Rücksichtnahme werden im Straßenverkehr dagegen dasselbe wie immer bewirken, nämlich absolut überhaupt nichts. Wer das Limit will, braucht die Kontrollen. Sonst bleibt dieses Modellprojekt ein Abstraktum, das keine Wirkung zeigen wird. j.pistorius@volksfreund.de
Extra: Die Lärmmessung
Geräusche entstehen durch Schwingungen und breiten sich in der Luft als Schallwellen aus. Zwei Größen bestimmen, wie intensiv ein Geräusch beim Ohr ankommt: Die Frequenz, das ist die Anzahl der Schwingungen pro Sekunde, prägt die Tonhöhe. Je höher die Zahl dieser Schwingungen, desto höher wird der Ton wahrgenommen. Die Lautstärke eines Tons ist der Schalldruck, dessen Pegel messbar ist und in Dezibel angegeben wird. Die Atemgeräusche eines Menschen liegen bei zehn Dezibel, ein tickender Wecker schon bei 30. Ab 55 Dezibel gilt ein Geräusch als laut und störend: ein Zug, ein Rasenmäher oder auch eine Hauptverkehrsstraße fallen in den Bereich, der das Risiko von Herz- und Kreislauferkrankungen erhöhen kann. Gehörschäden sind ab 85 Dezibel möglich - eine Lautstärke, der sich viele Freunde mobiler Musik über Kopfhörer freiwillig hingeben. Interessant: Lautes Händeklatschen direkt am Ohr kann schlimmer sein als ein Düsenjet beim Warmlaufen. Beide Ereignisse liegen jenseits der 105-Dezibel-Grenze, ab der Lärm gefährlich wird. jp

Extra: So wirken sich drei Dezibel aus

In unseren Hörbeispielen oben im Artikel erfahren Sie, immer gemessen an einem Basisbeispiel, wie sich drei oder etwa sechs Dezibel mehr auswirken können.