Mehr als 10 000 Menschen haben den Trierer „Dialog im Dunkeln“ bereits geführt, nun ist er bis zum Jahresende verlängert worden.

Trier : Blind für eine Stunde

Mehr als 10 000 Menschen haben den Trierer „Dialog im Dunkeln“ bereits geführt, nun ist er bis zum Jahresende verlängert worden. Das Konzept geht auf, wie die allesamt blinden Guides erzählen: Wer eine Stunde auf einen seiner Sinne verzichtet, sieht danach manches umso deutlicher.

Die zehn Guides der Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ sind blind. Doch ohne sie wären die Sehenden im Parcours in der Pauluskirche verloren. Dieser Rollentausch ruft viele Emotionen hervor – sowohl bei den Führern als auch bei den Besuchern.

Fast 10 000 waren es, die sich in Trier in den vergangenen neun Monaten auf dieses Erlebnis eingelassen haben. Inzwischen ist der „Dialog im Dunkeln“ zum zweiten Mal verlängert worden und nun bis zum 31. Dezember zu erleben.

Die Augen weit aufgerissen, einen Blindenstock in der rechten Hand, die linke Hand nach vorn ausgestreckt, sich langsam und unsicher mit winzigen Schritten fortbewegend – so gehen Besucher durch die im Dezember 2018 eröffnete Ausstellung. Geräusche von fahrenden Autos, unebener Boden, Hindernisse – plötzlich sind die Besucher darauf angewiesen, für eine Stunde mit einem Sinn weniger auszukommen. Sicherheit beim Durchschreiten der Ausstellung, bei der man zwar nichts sehen, dafür aber viel fühlen, riechen und hören kann, geben die zehn Guides, allesamt blind oder stark sehbehindert, die die Personengruppen führen.

„Die Leute kommen anders raus, als sie reingegangen sind“, sagt Daniel Vollstedt, Projektleiter von „Dialog im Dunkeln“. Chantal Hubert, die das Team in Trier leitet, ergänzt: „Die Leute sind total überwältigt!“ Ein Guide habe mehrfach erlebt, dass Menschen ihn nach dem Rundgang weinend umarmt hätten. „Es geht direkt auf die emotionale Ebene“, sagt Daniel Vollstedt. „Die Dunkelheit spricht einen direkt an.“

Der Gesprächsbedarf bei den meisten Menschen sei nach dem Rundgang sehr groß und es würden stets viele Fragen gestellt, die die Guides gern beantworteten. Viele gute Gespräche entstünden.

Panik während des Besuchs sei sehr selten, sagt Daniel Vollstedt: „Weltweit liegt die Quote bei unter einem Prozent.“

Obwohl die positiven Erlebnisse überwiegen, stoßen die blinden Mitarbeiter manchmal an ihre Grenzen. „Leute kommen schon mal zufällig vorbei und fragen, was hier stattfindet. Dann erkläre ich das, während neben mir fünf blinde Kolleginnen und Kollegen stehen. Es gibt Leute, die dann ablehnend reagieren und lachend wieder weggehen. Das ist dann schon sehr verletzend!“

Chantal Hubert steht „zu 110 Prozent“ hinter dem Projekt. „Bevor ich zu der Ausstellung kam, habe ich viele Dinge anders oder gar nicht wahrgenommen, schon erstaunlich!“ So sei die Ampelanlage in der Böhmerstraße in unmittelbarer Nachbarschaft zum Ausstellungsort nicht mit einem akustischen Signal ausgestattet. Als Blinder diese Kreuzung zu überqueren, sei fast unmöglich – als Sehender nimmt man davon keine Notiz.

Doch die Veranstaltung soll auch ermutigen, wie einer der weiblichen Guides erklärt: „Diese Ausstellung finde ich so wichtig und ich mache die Führungen sehr gerne, weil ich den sehenden Mitmenschen zeigen kann, dass, auch wenn man blind ist, das Leben weitergeht und dass man alles immer noch machen kann, wonach es einem auch immer ist. Geht nicht, gibt‘s nicht!“

Viele Besucher fragen, ob sie die eben durchschrittenen Räumlichkeiten hinterher im Hellen sehen können. Doch da hilft kein Betteln – die Veranstalter bleiben hart: „Es geht darum, dass man die Ausstellung im Dunkeln erfährt“, sagt Daniel Vollstedt. „Nicht darum, wie sie aussieht.“

Weitere Infos und Tickets erhalten Interessierte über www.dialog-in-trier.de

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