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Mit Teilzeitarbeit gibt's nur kleine Rente

Trier. Wer in Teilzeit arbeitet, muss nicht nur flexibel sein. Er sollte seine Stunden auch schnell wieder aufstocken, denn nur selten reicht der Job zur Existenzsicherung. Doch für viele Frauen gibt es Hemmnisse, die sie kaum selbst beeinflussen können. Sabine Schwadorf

Trier. Stefan Müller gehört mit seiner Einstellung zu Frauen in Teilzeit und in Führungspositionen wohl zu den Ausnahmen. Sowohl als Mann als auch als Chef. Denn der Zahntechnikermeister und Geschäftsführer der Firma Wallerius Zahntechnik in Trier hat bei rund 40 Beschäftigten mehrheitlich Frauen eingestellt, etwa zehn davon haben kleine Kinder und arbeiten in Teilzeit. Einige von ihnen hat er bewusst in leitenden Funktionen eingesetzt. "Nach meiner Erfahrung arbeiten Frauen deutlich erfolgreicher als Männer. Sie sind gut organisiert und haben eine höhere emotionale Intelligenz", sagt der Firmenchef anerkennend.
Für Müller sind dies keine leeren Worte, sondern gelebte Einstellung. Schon 1999, als er ins Unternehmen einstieg, hat es Zeitkonten gegeben, damit die Mitarbeiter, vornehmlich Mütter junger Kinder, in Auftragsspitzenzeiten mehr und in Ferienzeiten weniger arbeiten konnten. Als er vor fünf Jahren die Betriebsleitung übernahm, die er nun zusammen mit Ursula Wallerius innehat, war das System etabliert. "Wenn der Abgabetermin eingehalten wird und die Leistung stimmt, ist mir gleich, wann und wie lange gearbeitet wird", sagt Müller. Das sorge für ein gutes Betriebsklima und halte die Beschäftigten im Unternehmen. "Fast alle Mitarbeiter haben auch hier ihre Ausbildung gemacht."
Für ihr Engagement um eine chancengerechte Arbeitswelt ist die Trierer Firma auch von der landesweiten Initiative "Zeitzeichen" ausgezeichnet worden. "Alles, was nicht dem Standard entspricht, ist für viele Unternehmen noch ein Experiment und damit nicht erstrebenswert", bemängelt "Zeitzeichen"-Projektleiterin Martina Josten, gleichzeitig Geschäftsführerin des Trie rer Instituts für Mittelstandsökonomie (Inmit). Denn weil Führungsverantwortung meist an lange tägliche Präsenz geknüpft sei, könnten viele Frauen nach der Erziehungspause oft nicht an die alte Position anknüpfen. Eine Karriere-Falle.
Auf Abruf in der Gastronomie


Anne Hennen, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Trier-Saarburg, ist immer wieder mit Fällen konfrontiert, dass vor allem in der Gastronomie die Mitarbeiterinnen auf Abruf bereit sein müssten zu arbeiten. "Mit kleinen Kindern ist so etwas nicht zu bewerkstelligen - und das bei relativ niedrigen Löhnen in der Branche", sagt sie. Ohnehin seien viele Frauen in Minijobs, die keine Altersversorgung sicherten.
Für "Zeitzeichen"-Leiterin Josten ist Teilzeitarbeit für Frauen daher allein keine Lösung. Da müssten Staat, Gesellschaft und jede einzelne Frau mit dafür sorgen, dass die Arbeitszeit nur kurz durch Teilzeit unterbrochen werde. "Denn Teilzeit hat keine existenzsichernde Funktion", stellt sie klar. Unterstützung bekommt sie auch von der Trierer Frauenbeauftragten Angelika Winter: "Ich rate Frauen, schnell wieder in Vollzeit zu arbeiten", sagt sie. Teilzeitarbeit ermögliche nach der Elternzeit den Wiedereinstieg in den Job, und dies sei gesellschaftlich inzwischen auch etabliert. "Doch Teilzeitarbeit reicht nicht aus, im Falle einer Trennung vom Partner oder nach dessen Tod auf eigenen Beinen zu stehen", sagt die Frauenbeauftragte. Sie untermauert das mit Zahlen aus dem Stadtgebiet: Jede vierte Alleinerziehende beziehe Hartz IV, viele von ihnen als Aufstocker. "Dort gibt es eine Tendenz zu Niedriglohnjobs", sagt Winter und fordert ein Umdenken von allen: "Familienarbeit darf nicht nur an Frauen hängen bleiben. Das erfordert den kommunalen Krippenausbau, flexiblere Unternehmensstrukturen und mehr Gleichberechtigung in der Beziehung."
Zahntechnikermeister Stefan Müller jedenfalls hat umgedacht und kann sein Arbeitsmodell mit Teilzeitkräften in Führungspositionen nur empfehlen: "Ich sehe das größte Problem in der männerdominierten Geschäftswelt. Wir leben unsere Einstellung - und das gar nicht mal so erfolglos."Extra

In der Region Trier gibt es zum Internationalen Frauentag am heutigen Freitag, 8. März, zahlreiche Veranstaltungen. Exemplarisch dafür wollen wir einige vorstellen: In Konz gibt es heute von 9.30 bis 12 Uhr im Konzer-Doktor-Bürgersaal, Wiltinger Straße 12, ein internationales Frühstück. Ausrichter ist unter anderem die Migrationsbeauftragte des Kreises Trier-Saarburg, Gisela Krämer. Zwölf Künstlerinnen aus Trier bieten heute Abend, 20 Uhr, in der Tufa zugunsten des Trierer Frauennotrufs ein buntes Variété-Programm an. Mit dabei: Sandra Karl vom Satiricontheater, Florence Absolu und Christine Reles mit Chansons. Abendkasse: 10/15 Euro. Zum französisch-libanesischen Film "Wer weiß, wohin" der Regisseurin Nadine Labaki lädt der DGB-Kreisverband Bernkastel-Wittlich heute für 19.15 und 20 Uhr ins Mosel-Kino Bernkastel-Kues. Der Film gewann den Publikumspreis des Toronto Film Festival 2011. Der Zonta Club Trier lädt für Sonntag, 10. März, um 11 Uhr ins Museum am Dom ein. Das Thema: Frauenquote. Was spricht dafür? Was dagegen? Referentin ist Isabell Funk, TV-Chefredakteurin. Eintritt: 10 Euro. Der Erlös geht an ein internationales Projekt gegen Gewalt gegen Frauen. Die Info-Reihe der Arbeitsagentur, Biz & Donna, beschäftigt sich im März mit Selbstvermarktungsstrategien für Frauen. Am Dienstag, 12. März, gibt es in der Agentur Trier, Dasbachstraße 9, um 9 Uhr die Veranstaltung "Bewerbung - Viele Wege führen zum Job". Die Teilnahme ist kostenlos. sasExtra

Immer mehr Frauen werden erwerbstätig, allein zwischen 1991 und 2010 hat die Erwerbstätigenquote unter Frauen von 57 auf 66 Prozent zugenommen (Hans Böckler Stiftung). Die der Männer sank leicht auf 75,9 Prozent. Laut Statistischem Bundesamt waren 45 Prozent der Frauen zwischen 15 und 64 Jahren teilzeitbeschäftigt, in Westdeutschland arbeiten sogar 50,7 Prozent der Frauen in Teilzeit. Bei den Frauen ohne minderjährige Kinder arbeitet jede dritte in Teilzeit, bei jungen Müttern zwei Drittel. Zum Vergleich: Im Bund hat jeder zehnte Mann ohne Kinder einen Teilzeitjob, aber nur jeder 20. Vater. In der Region Trier gibt es 73 254 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Frauen (Männer: 84 663), 38,6 Prozent davon arbeiten in Teilzeit. Insgesamt hat die Beschäftigung seit 2002 um rund zehn Prozent zugenommen. Dabei gingen zwei von drei neuen Arbeitsstellen an Frauen, das Gros als Teilzeitjob. Zum Vergleich: Nur jeder siebte Teilzeitbeschäftigte in der Region Trier ist ein Mann.sas