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„Mister Miezen“ Jürgen Brech: Blau und weiß, wie lieb' ich dich ...

TV-Serie „Handball ist unser Leben!“ : „Mister Miezen“ Jürgen Brech: Blau und weiß, wie lieb' ich dich ...

Jürgen Brech ist untrennbar mit den Trierer Miezen verbunden. Der 60-Jährige über seine Liebe zur MJC, das Auf und Ab im Trierer Frauenhandball, seine erste Zeitstrafe, einstige Erfolge im Schwimmen und eine schwere Krankheit.

Es ist DIE Schalke-Hymne: „Blau und weiß, wie lieb’ ich dich ...“ Diese Liedzeile trifft aber auch auf Jürgen „Joga“ Brech zu. Ohne ihn wäre vieles im Trierer Handball nicht möglich gewesen, besonders im Frauenbereich. Brech war einer der Macher der Trierer Miezen, die den regionalen Handball auf die große nationale und internationale Bühne brachten. Die Vereinsfarben der MJC – na klar, blau und weiß!

Brechs Weg zum Handball war vorgezeichnet, seine Funktionärstätigkeit für den Trierer Handball ein Glücksfall. „Den Handball habe ich in die Wiege gelegt bekommen. Mein Vater war erfolgreicher Spieler bei der DJK St. Matthias, und so habe ich als Steppke schon im Alter von vier Jahren regelmäßig in Feyen auf dem Großfeld bei Wind und Wetter mitgefiebert“, erinnert sich der heute 60-Jährige.

Und doch hätte Brech durchaus abtrünnig werden können. Beim SSV Trier begann er als Siebenjähriger mit dem Schwimmsport: „Wir hatten schon sehr früh intensives, mehrmaliges Training in der Woche. Ich war ganz stolz, einige Urkunden und Erfolge einzuheimsen, auch auf Landesebene“, berichtet der Werbetechnikermeister, der eine Firma in Trier betreibt.

Foto: privat

Doch letztendlich war die Liebe und Begeisterung für den Handball größer. „Zu meiner Zeit gab es für mich als Trierer nur eine Option, und das war ganz klar die DJK/MJC Trier. So kam ich 1968 zur MJC. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Mergener Hof zu meiner zweiten Heimat. Ich habe dort alles mitgemacht, was das Jugendzentrum zu bieten hatte. Der Mergener Hof war viele Jahre unser Lebensmittelpunkt. Später auch in der Sturm-und-Drangzeit mit der Moped- und Motorrad-Clique“, sagt Brech, der sich gerne an seinen ersten Trainer, Hans Holzhäuser, und den Jugendleiter des Mergener Hofes, Pater Meumerzheim, erinnert: „Diese beiden Menschen haben mein Leben nachhaltig geprägt.“

Der Kauf des ersten Trikots bei Sport Simons machte Brechs Handballglück perfekt: „Es war ein weißes Trikot mit blauem Brustring, und die Mutter nähte von Hand das MJC-Logo drauf. Ich habe das Trikot heute noch und bin stolz darauf.“

Neben seinem Vater, der in allen Lebenslagen und auch als Handballer sein großes Vorbild war, fand Brech im Verein schnell seine sportlichen Idole. Es gab nur ein Ziel: irgendwann selbst in der ersten Mannschaft der MJC zu spielen.

Foto: privat

Den ersten Meistertitel feierte Brech in der D-Jugend. Seinen ersten Trainingsball bekam er 1970: „Noch heute bewahre ich den Ball in meinem Büro auf.“ Brech wuchs im Maarviertel auf und trainierte mit seinem neuen Spielgerät unter anderem auf dem Teerplatz im Mergener Hof.

Seine ersten Handballjahre begleiteten Spieler wie Michael Rinnenburger, Chris Billen, Max Chorus, Peter und Christoph Lay und Peter Rohr (der später auch im Vorstand zur Seite stand). „Die Freundschaften, die in diesen Jahren entstanden sind, bestehen bis heute. Das soziale Gefüge im Mannschaftssport hat mich nachhaltig geformt und mir sehr viele wichtige Werte mit auf meinen Lebensweg gegeben.“

Erinnern kann er sich noch gut an seine erste Zeitstrafe: „Das war 1970 im Moselstadion. Peter Pauli war Schiedsrichter, und ich habe zu meinem Mitspieler Michael Rinnenburger während des Spiels gesagt: ,Das gibt’s doch gar nicht.’ Pauli hat das wohl falsch aufgenommen, und ich erhielt eine Zweiminutenstrafe. Mein Vater musste mich den ganzen Sonntag aufbauen und mir erklären, dass das gar nicht schlimm war.“

Foto: privat

Ab der B-Jugend rückte mit Trainer Frank Kammann eine weitere wichtige Person in das Handballleben von Brech: „Frank führte uns mit seinen für damalige Verhältnisse sehr modernen Trainingsmethoden an den Leistungshandball heran. In der Zeit heimsten wir etliche Erfolge ein, und ich spielte in der Bezirks- und Rheinlandauswahl.“

Beruflich machte Brech bei der Firma Hochstetter eine Lehre zum Schauwerbegestalter. Es folgte die Bundeswehrzeit, und dann kam der große Schock: „Nach meiner Bundeswehrzeit kam ich abends ins Miez-Kneipchen, um die Jungs zu treffen und mit dem Trainer der ersten Mannschaft, Frank Kammann, zu sprechen. Doch es war keiner da, die erste Mannschaft war komplett zur DJK St. Matthias gewechselt. Über die tatsächlichen Gründe wurde wild spekuliert und sie sind mir bis heute nicht hundertprozentig bekannt. Auf jeden Fall gab es jetzt keine erste Mannschaft mehr, für mich brach eine Welt zusammen.“

Brech, beheimatet auf der Rechtsaußen-Position, spielte einige Jahre in der zweiten Mannschaft, ehe ihn Mecco Frede in die neu formierte erste Mannschaft berief: „1989 stiegen wir in die Oberliga auf, das war mein vielleicht größter sportlicher Erfolg. Unvergessen sind die vielen Lokalderbys vor ausverkauften Rängen auf dem Wolfsberg oder auswärts in Saarburg, Daun, Biewer. Es war vielleicht die schönste Zeit, die ich im Handball erlebt habe.Wie hat Frank Kammann mal über mich gesagt: ,Der Joga ist ein fleißiger, ehrgeiziger Kämpfer, der nie aufgibt.’ Ich glaube, das charakterisiert mich am meisten.“

Im letzten Saisonspiel 1992 stiegen die MJC-Herren in die Landesliga ab, und Brech zog sich eine schwere Knieverletzung zu. Er hing die Schuhe erst mal an den Nagel, ehe ihn zwei Jahre später Herbert Thielen noch mal überredete, in die erste Mannschaft zurückzukehren. In den Folgejahren spielte Brech bis 2007 in der zweiten und dritten Mannschaft – bis zum Handball Ruhestand mit 47 Jahren.

Für den positiv Handballverrückten kam es, wie es kommen musste: 1987 begann er, als Funktionär im Vorstand der MJC mitzuarbeiten: „Meine ersten Arbeiten waren die Organisation der beiden unvergessenen Bezirkshandballfeten im Mergener Hof (1988 und 1989). Zwischenzeitlich war unsere erste Damenmannschaft in die zweite Liga aufgestiegen, und der Verein hatte die Bitte, dass sie sich wirtschaftlich auf eigene Füße stellt. So stieg ich dann 1999 in den DJK/MJC Sportmannschaft e.V. ein und war ab diesem Zeitpunkt im Vorstand der Miezen – bis zum bitteren Ende.“

Unvergessen für alle Handballfans in der Region ist der Aufstieg der Miezen im Jahr 2000 in die Bundesliga, ganz zu schweigen vom Gewinn der Deutschen Meisterschaft 2003. „Was wir in dieser Zeit und den da­rauffolgenden Jahren im Ehrenamt geleistet haben, kann sich niemand vorstellen, der nicht dabei war. Die meisten unserer sportlichen Mitbewerber hatten hauptamtliche Manager, Geschäftsführer und Mitarbeiter in den Geschäftsstellen. Aber das war bei uns aufgrund der finanziellen Situation nie wirklich möglich.“

Maßgeblichen Anteil an dem Miezen-Erfolg hatte in erster Linie  auch Martin Rommel: „Wir beide haben die Miezen die längste Zeit gemanagt, aber auch Oliver Bloeck ist zu nennen, der uns über Jahrzehnte begleitete und stets mit Rat und Tat zur Seite stand. Der Erfolg der Miezen war nie ein Werk von einzelnen, es war immer eine Gemeinschaft aus Vorstand, Trainer, Mannschaft, Fans und Sponsoren.“

Der Höhepunkt war dann 2003. „Als wir Deutscher Meister wurden, schwammen alle auf einer riesigen Euphoriewelle. Vielleicht waren die Miezen zu diesem Zeitpunkt das größte sportliche Aushängeschild der Stadt. Alle waren im Feiermodus. Einzig der Vorstand wusste: Jetzt wird es schwer! Mit dem Gewinn der Meisterschaft stieg unser Hauptsponsor aus, der nahezu 50 Prozent des Gesamtetats ausmachte. Und auch der Umzug in die Arena machte unsere finanzielle Lage nicht besser, auch wenn es zu dieser Zeit keine wirkliche Hallenalternative gab. Wir haben alles Erdenkliche unternommen, um den erforderlichen Etat Jahr für Jahr wieder auf die Beine zu stellen. Viele haben uns dabei nach Kräften unterstützt: die Anhänger, der Miezen-Fanclub, das Arena-Team um Wolfgang Esser, die medizinische Abteilung, die Sponsoren und auch die Politik. Aber letztendlich war das Ganze ohne einen großen Hauptsponsor  langfristig nicht zu stemmen“, sagt Brech.

Doch viele tolle Erlebnisse sind geblieben – etwa die Spiele in der Champions League und im Europacup, insbesondere im russischen Toljatti. „In Trier hatte man uns vor der Reise gesagt, macht euch keine Gedanken, die Kälte in Russland ist nicht so schlimm. Aber wenn du bei minus 35 Grad an der Wolga spazieren gehst oder über einen russischen Fischmarkt schlenderst, spürst Du jedes einzelne Minusgrad. Am meisten hat uns in Russland die Gastfreundschaft imponiert, damit hatten wir so nicht gerechnet“, erinnert sich Brech.

Die Miezen standen auch für soziales Engagement. Brech: „Aktionen mit der Lebenshilfe, Grundschulaktionen mit der Sparkasse, Weihnachtsbesuche in der Kinderkrebsstation, Besuche bei der Villa Kunterbunt, Aktionen mit der Handwerkskammer, Handball-Camps und vieles mehr. Wir hatten mit unseren meist noch berufstätigen Spielerinnen bis zu 40 Termine im Jahr.“

Brech, der für seine Verdienste um den Handball mit der bronzenen und goldenen Ehrennadel des Handballverbands Rheinland sowie der goldenen Ehrennadel der MJC Trier ausgezeichnet wurde, blickt mit Stolz und Wehmut auf die Miezen-Zeit zurück: „Sicherlich haben wir – habe ich – auch Fehler gemacht, aber letztendlich muss man sagen, dass es für die Region auf Dauer wirtschaftlich nicht zu stemmen war, drei Top-Vereine auf Bundesliga-Niveau zu halten. Wir hatten viele tolle Spielerinnen und Trainer, sportlich wie menschlich. Das wurde mir nochmal so richtig bewusst, als ich zu meinem 60. Geburtstag ein Video mit persönlichen Glückwünschclips von nahezu der gesamten Meistermannschaft bekommen habe. Das war einer der bewegendsten Momente für mich in den vergangenen Jahren.“

 Das bitterste Jahr für Brech war das „Seuchen-Jahr 2019“, als der Verein den Gang in die Insolvenz antreten musste. Da brach eine Welt zusammen. Das hinterließ viele Narben: „Bis zuletzt haben wir alles Erdenkliche versucht, das Schiff über Wasser zu halten, aber die Zeit war gekommen. Zu allem Überfluss bin ich zwei Wochen später schwer an Krebs erkrankt und war sechs Monate weg vom Fenster. Ohne meine Familie und viele meiner Handballkumpels hätte ich den Weg zurück vielleicht nicht geschafft. Ich bin jetzt gottseidank wieder fit und kann im Nachhinein auf über 50 Jahre als aktiver Spieler und Funktionär zurückblicken. Der Handball hat mein Leben bestimmt, und ich wollte dem Verein immer das zurückgeben, was er mir in meiner Jugend gegeben hat. Das Ganze hat nur funktioniert, weil ich eine tolle Familie, insbesondere meine Frau und meine Tochter, immer an meiner Seite hatte. Jetzt genieße ich es einfach mal so, unsere MJC-Jungs oder -Mädels gucken zu gehen und dabei mit den alten Kumpels ein oder zwei Bier zu trinken. Allerdings bedauere ich es sehr, dass während meiner Abwesenheit keine Einigung gefunden werden konnte, für die Damenmannschaft die Lizenz für die 3. Liga zu erlangen. Ich glaube, dass damit eine große Chance für die Zukunft vertan wurde.“