1. Sport
  2. Sport aus der Region

Trier: Jungspunde beleben Traditionsclub neu 

Fußball : Jungspunde beleben Traditionsclub neu

Stillstand herrschte zuletzt beim SV Ruwer. Früher in der höchsten Spielklasse des Fußballverbandes Rheinland angesiedelt, hatte sich der Club zwischenzeitlich vom Ligabetrieb zurückgezogen. Nun wagen sie im Trierer Stadtteil einen Neustart – auch mit Kumpels, die fußballerisch wieder vereint sind.

In ihren Köpfen sind die Bilder noch präsent. Vor fünf Jahren kickten sie zum vorerst letzten Mal zusammen in der D-Jugend. Anschließend trennten sich ihre fußballerischen Wege. Der eine hierhin, der andere dorthin. Aber so richtig wohlgefühlt haben sie sich nirgendwo. Und deshalb hörten sie auch mit dem Kicken auf. Jetzt sind die drei Freunde einträchtig zum SV Ruwer zurückgekehrt. Paul Mergens, Jan-Philipp Simon und Johannes Leiter freuen sich riesig auf den gemeinsamen Neustart im Wenzelbachstadion. Das erste Punktspiel in der D-Liga Trier/Eifel findet am Sonntag, 29. August, 12.30 Uhr, daheim gegen den SV Trier-Olewig II statt.

Die drei 18-jährigen Ruwerer Jungen stehen symbolisch für den Neuanfang beim SV Eintracht. Ein Neuanfang, den es vor Jahren schon einmal gegeben hatte, als Dennis Hontheim dem Verein neues Leben einhauchte. „Ohne ihn würde es den SV Ruwer heute nicht mehr geben, dafür sind wir ihm sehr dankbar. Leider war die Sache nicht von Dauer“, blickt Fabian Müller zurück. Der 30-jährige Versicherungsfachmann ist zusammen mit dem umtriebigen Jan Künzer das Gesicht des neuen SV Ruwer. Die beiden wollen dafür sorgen, dass das, was jetzt angestoßen wird, sich nachhaltig entwickelt.

Müller ist nach einem Jahr bei der Schweicher Mosella in seine Heimat zurückgekehrt. Neun Jahre spielte er bereits zuvor im Trikot des SV Ruwer. Jetzt hat er – gemeinsam mit seinem Co- und Torwart-Trainer und Ruwerer „Urgestein“ Heiko Lauterbach – die Verantwortung als Übungsleiter übernommen. Auch für die Trikotwäsche ist er sich nicht zu schade. Der gebürtige Ruwerer Künzer engagiert sich als Allrounder, ist Spieler, Verantwortlicher fürs Catering und auch rund ums schmucke Clubheim engagiert. Tatkräftige Unterstützung finden die drei bei Helmut Zock: Der rüstige 86-Jährige, einst selbst Aktiver von der Jugend bis zu den Alten Herren, anschließend Reserve- und Jugendbetreuer, kümmert sich mit ganz viel Herzblut um alles, was mit dem Sportplatz zu tun hat, ist nahezu jeden Tag oben im Wenzelbachstadion, um nach dem Rechten zu sehen.

In der vergangenen Spielzeit konnte der SV Ruwer wegen Personalmangels keine Mannschaft melden. „Im Nachhinein war das wohl auch gut so, denn ein Trainings- und Spielbetrieb unter Einhaltung der Corona-Regeln wäre für uns nicht umsetzbar gewesen. Der Ertrag hätte in keinem Verhältnis zum Aufwand gestanden“, urteilt Müller heute. Im Winter wurde dann die Idee des Neustarts geboren. Auf allen Kanälen – inklusive Mund-zu-Mund-Propaganda wurde Werbung betrieben. „Der SV Ruwer sucht Dich!“, war in großen Lettern auf Plakaten im ganzen Dorf zu lesen. Nach und nach kristallisierte sich heraus: Es könnte tatsächlich klappen! Und in der Tat: Als Fabian Müller und Heiko Lauterbach Anfang Juli zum Trainingsauftakt riefen, tummelten sich 28 Akteure auf der Ruwerer „roten Erde“.

„Wir haben eine gute Mischung aus jungen Leuten aus dem Dorf und einigen erfahrenen Spielern“, sagt Müller, der es als „gutes Zeichen“ interpretiert, „dass manche, die den SV Ruwer verlassen haben, jetzt zurückgekehrt sind, weil sie wohl gemerkt haben, wie schön es bei uns ist.“ Man setzt auf einheimisches Personal, von „Hometown heroes“ spricht der Trainer da gerne. Besonders freut es den Verein, dass mit Maree Zu Alfaqar ein Spieler hier heimisch geworden ist, der gemeinsam mit drei anderen Landsleuten aus Syrien fliehen musste. „Er ist wunderbar integriert, fühlt sich in Ruwer, wo er auch wohnt, sehr wohl und bringt sich ein“, erzählt Müller. Sichtbares Zeichen der gelungenen Integration: Der Syrer lud die Mannschaft zu einem landestypischen Essen ein, dass er höchstpersönlich für seine Sportkameraden gekocht hatte.

Das offenbart den guten Teamgeist. Ein Teamgeist, der über die Mannschaft hinaus in die Dorfgemeinschaft hineinwirken soll – für Müller ein ganz wichtiger Aspekt beim Neustart. „Wir wollen in erster Linie für unser Dorf spielen, das Dorfleben bereichern und die Leute mit ehrlichem Fußball wieder auf den Sportplatz locken“, formuliert der Coach das vorrangige Ziel und fügt hinzu: „Jeder, der hier oben steht und aus Ruwer kommt, zaubert uns ein Lächeln aufs Gesicht.“ Die Idee kommt gut an: Sogar beim Training konnte man zuletzt immer wieder Zuschauer begrüßen.

Natürlich hat man sich in Ruwer auch sportliche Ziele gesetzt. „Wir würden gerne unter die ersten fünf der Liga kommen“, sagt Müller, dem allerdings auch bewusst ist, „dass viele unserer Jungs lange nicht mehr gespielt haben. Deshalb konnten wir nicht gleich 100 Prozent Gas geben, sondern mussten das Ding langsam hochfahren, auch um Verletzungen zu vermeiden.“

Sicherer Umgang mit dem Ball, ein gutes Auge sowie Übersicht und Stellungsspiel – darauf wurden in der Vorbereitung verstärkte Akzente gesetzt. Die Kondition darf nicht fehlen. In der Vorbereitung gab es ein Remis und zwei Niederlagen, im Kreispokal schied man beim 0:2 gegen den klassenhöheren FSV Kürenz in der ersten Runde aus. Dennoch geht man am Wenzelbach insgesamt optimistisch an die Saison heran. „Das Training macht allen großen Spaß, die Jungs sind bei aller Lockerheit mit dem nötigen Ehrgeiz bei der Sache und können dabei vor allem eins: Sie selbst sein“, hat Müller festgestellt.

Dazu sind Menschen am Werk, die sich mit dem Verein identifizieren. Das Clubheim ist einladend hergerichtet, alle zwei Wochen ist es am Freitagabend als Treffpunkt geöffnet – auch für die Ruwerer Dorfgemeinschaft, der nach der Schließung der traditionsreichen Gaststätte Steng­lein kaum noch Lokalitäten zur persönlichen Begegnung zur Verfügung stehen. „Wenn Corona etwas Gutes hatte, dann die Tatsache, dass man sich wieder bewusst wurde, welche Dinge wirklich wichtig sind. Zum Beispiel die sozialen Kontakte in einem intakten Dorfleben. Dazu wollen wir einen kleinen, bescheidenen Beitrag leisten“, unterstreicht Künzer, der gemeinsam mit dem gesamten Club darauf hofft, im kommenden Jahr das 2020 ausgefallene Jubiläumsfest zum 75-jährigen Vereinsbestehen nachholen zu können: „77 ist ja schließlich auch eine ganz schöne Zahl.“

Es wären dann 77 Jahre mit vielen Höhen und Tiefen. Vier Aufstiege in Serie, dazu zahleiche Pokalgewinne verzeichnet die Vereinschronik für die 60er Jahre. Nahezu kometenhaft katapultierte sich der SV Ruwer damals unter Spielertrainer Bernd Reinhart von der 1. Kreisklasse bis in die Rheinlandliga und war damit hinter dem Regionalligisten Eintracht Trier 05 unangefochten die Nummer zwei in der Region. Nicht zu vergessen auch die Tischtennis-Abteilung, die mit mehr als einem Vierteljahrhundert in der Rheinland-Pfalz-Liga und Oberliga eine Ära prägte.

 Von links: Paul Mergens, Johannes Leiter und Jan Philipp Simon als Jugendspieler des SV Ruwer
Von links: Paul Mergens, Johannes Leiter und Jan Philipp Simon als Jugendspieler des SV Ruwer Foto: Josef Frisch

Dass es jetzt nach langer Durststrecke in Ruwer mit fußballbegeisterten einheimischen Jungs wieder richtig losgeht, wenn auch nur in der D-Klasse – das hätte auch der kürzlich verstorbene Ehrenvorsitzende Bernd Reinhart gerne noch miterlebt. Er hätte sicher seine helle Freude daran gehabt, vor allem an den Ruwerer Jungspunden.