1. Dossier

Klein, stark und notfalls renitent

Klein, stark und notfalls renitent

Kann man über einen Stadtteil mit nicht ganz 800 Einwohnern, einem Dutzend Straßen, keiner einzigen Kneipe und 483 Autos eine ganze Zeitungsseite vollschreiben? Nur aufgrund eines Spaziergangs? Filsch zeigt: Man kann.

 Dorf-Idyll am Straßenrand: Gemüsestand statt Supermarkt. TV-Foto: Dieter Lintz
Dorf-Idyll am Straßenrand: Gemüsestand statt Supermarkt. TV-Foto: Dieter Lintz

I.
Am Ortseingang von Filsch flattern drei Fahnen im Wind. In der Mitte das Trierer Stadtwappen, links und rechts flankiert vom Wappen des Ortsteils. Es sieht so aus, als seien die beiden heiligen Luzias abgestellt, um den Petrus in der Mitte unter Kontrolle zu halten. Vielleicht, weil die Filscher den Trierern auch 44 Jahre nach der Eingemeindung immer noch nicht so recht trauen, was sie gerne durch gelegentliche Renitenz demonstrieren. Vielleicht aber auch, weil Luzia Schutzpatronin der Armen ist und Trier eine solche Heilige gleich in doppelter Ausfertigung brauchen könnte.
II.
Der Ortseingang ist wie das ganze Dorf: propper. Und liebevoll gestaltet. Kein Müll, alle Pflanzen akkurat geschnitten, mittendrin plätschert der saubere Gottbach eine steinerne Treppe hinunter. Zwei Stein-Sarkophage stehen auf der Wiese, ein Schild erläutert, dass sie spätrömisch sind und vom südlichen Gräberfeld stammen. Daneben prangt ein ungewöhnliches Gewächs, das sich bei näherem Hinsehen als Mammutbaum entpuppt. Ein Schild erläutert, dass er aus dem kalifornischen Yosemite-Nationalpark stammt und vom örtlichen Boule-Verein eingepflanzt wurde, der hier eine schmucke Bahn angelegt an, bei der man freilich nicht allzu fest werfen darf, wenn man nicht im Wald landen will. Ein paar Meter weiter steht eine Kelter, zum Schutz gegen Regen überdacht, auf Initiative der örtlichen Reservisten-Kameradschaft, wie ein Schild … aber das hatten wir schon. Die Filscher sind mitteilsame Menschen. Und Schildermacher haben hier wahrscheinlich eine sichere Existenz.
III.
Filsch liegt im Berg. Gemütliches Spazieren ist nicht drin, die Straßen führen steil bergauf oder bergab. Mittendrin liegt die knuffige Kirche St. Luzia, umgeben von Sträßchen, die so schmal sind, dass sie sich - wie ganz Filsch - als idealer Härtetest für jede Führerscheinprüfung anbieten würden. Einst kämpften sich die Pilger hier hoch, um eher seltsame Heilige um ihren Schutz anzuflehen. Die grindige Jungfrau Felicitas etwa. Oder den schwer versehrten Lazarus. Oder das "Schwärenmännchen", dessen figürliche Version heute noch in dem kleinen Gotteshaus steht. Hautkranke aller Länder vereinigten sich und flehten in Filsch um Genesung.
Heute kommen nur noch Wallfahrer aus Osann-Monzel, einmal im Jahr - aber die vertrauen auch eher auf den Hautarzt. Freitags gibt\'s hier aber nach wie vor öfter eine Messe. "Das ist dann für die Filscher der Sonntags-Gottesdienst", erklärt Ortsvorsteher Karl-Josef Gilles.
IV.
Von der Kirche geht es um ein paar Ecken, an einem ansehnlichen Bolz- und Kinderspielplatz vorbei, zum Filscher Brunnen. Den muss man sich freilich eher als eine Art Garage mit vorgebauter Viehtränke vorstellen. Direkt gegenüber eine Überraschung: Das einzige richtige Ladenlokal im ganzen Stadtteil, mit bunten Bildern in den Schaufenstern und zum Stöbern einladenden Kleiderständern vor der Tür. Die Überraschung weicht der blanken Verblüffung, wenn man in "Ullas Lädchen" auf Second-Hand-Ware edelster Marken trifft. Die turboschicke gebrauchte Damen-Lederjacke, die neben dem Ladentisch hängt, kostet schlanke 350 Euro. "Filscher kaufen hier eher selten", erzählt Inhaberin Ulla Leis, die ihre ungewöhnliche Geschäftsidee vor 13 Jahren in der ehemaligen elterlichen Bäckerei umsetzte. Inzwischen kommt Kundschaft aus einem Umkreis bis Luxemburg - Luxus-Klamotten haben einen beachtlichen Umschlag. Eine Umkleidekabine gibt es in dem winzigen, rundum mit Kleidern vollgestopften Laden nicht. Wer sich geniert, darf Ullas Küche benutzen, die direkt nebenan liegt.
V.
Filsch ist so klein, dass hier alle Einrichtungen multifunktional genutzt werden. Das gilt auch für den Frisiersalon von Georgette Faldey. Am vorletzten Sonntag fungierte er als Wahllokal, mangels anderweitiger Kapazitäten. Vor der Tür prangt prächtiger Blumenschmuck - wie bei fast jedem Haus. Drinnen reichen die Kapazitäten durchaus für einen größeren Kunden-Ansturm, als ihn die 794 Filscher je verursachen könnten. Aber die Faldeys, die vor einigen Jahren als Trierer Stadtprinzenpaar amtierten, haben auch Stammpublikum von außerhalb. Quer durch alle Altersschichten. "Man muss nicht ,Haircut‘ heißen, um junge Leute anzuziehen", sagt Frau Faldey. Zwischen der Trierer City und dem Außenstadtteil auf der Höhe liegt mehr als eine Distanz von sechs Kilometern Luftlinie.
VI.
Weiter bergauf. Irgendwo kauert sich ein kleiner, improvisierter Verkaufsstand in eine Hauseinfahrt, durch einen Regenschirm vor der Sonne geschützt. Lecker aussehende, haus-eingemachte Kirsch-Vanille-Marmelade, Kartoffeln, Kürbisse. Die Preisschilder kleben drauf, daneben steht eine kleine Schatztruhe, um den zu entrichtenden Obolus aufzunehmen. Kein Aufseher weit und breit. Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Glückliche Dorf-Idylle.
VII.
Immer höher. Weit über den Dächern des Stadtteils liegt der "dicke Stein", eine Art Wegmarke an einer Kreuzung von Wanderwegen. Von hier aus geht es in alle Himmelsrichtungen nach Waldrach, Kasel, Tarforst, Korlingen, Gutweiler - und keine Strecke beträgt mehr als vier Kilometer. Eigentlich einer der zentralsten Plätze von Trier. Und doch versammeln sich hier tagsüber bestenfalls Hundesitter, und abends ein paar feierwillige Jugendliche. Wer gut zu Fuß ist, kann von hier aus noch mal 50 Höhenmeter auf den Schellberg zurücklegen - mit 425 Metern der zweithöchste Punkt im Trierer Stadtgebiet. Über diese Höhen pfeift der Wind selbst bei mildem Wetter so kalt, dass man sich fühlt wie im Westerwald. Nur die riesige Schafherde am "Gipfel" verbreitet so etwas wie Gemütlichkeit.
VIII.
Wer die richtigen Wanderschuhe anhat, kann aber auch talwärts dem beschilderten Eifelsteig folgen. Es geht ordentlich bergab, der Weg führt nordwestlich an Alt-Filsch vorbei und quer über die vielbefahrene L 144 in Richtung Tarforst-Olewig. Gleich am Wanderweg findet sich ein faszinierendes Naturdenkmal in Gestalt einer 400-jährigen Eiche. Sie sieht aus, als hätte sie für den Snargaluff-Baum in der Harry-Potter-Verfilmung Modell gestanden. Ein Bänkchen steht davor, wie vor den wichtigsten Gemälden in einem Museum. Eine wunderbare Einladung zur Entschleunigung.
IX.
Die meisten, die hier eine Pause einlegen, werden kaum ahnen, dass das gleich nebenan im Eiltempo wachsende große Baugebiet zu Filsch gehört und nicht zum näher gelegenen Tarforst. "Wir haben schon genug aufgegeben", sagt Karl-Josef Gilles, der nicht nur Ortsvorsteher ist, sondern auch Lokalpatriot. Die neuen Baugebiete BU 13 und 14 gehören zur Gemarkung Filsch - da beißt die Maus keinen Faden ab. Und bei Stadtteilen, die nicht wachsen, wächst die Gefahr einer feindlichen Übernahme. Also hat sich Filsch entschlossen zu wachsen. Auch wenn es manchem wehtut. Dafür bekommt man eine neue Kita samt Versammlungsraum. Und eine ganze Reihe neuer Straßen, die wiederum auch neue Namen brauchen. Man hat sie allesamt nach historischen Trierer Figuren benannt - ein Schelm, wer da einen Zusammenhang zu dem Umstand herstellt, dass der Ortsvorsteher Historiker ist. Einem der Straßenpaten, dem armen Erzbischof Poppo von Babenberg, haben sie im Rathaus seinen Vornamen amputiert. Die Kleingeister sitzen nicht immer nur im Dorf.
X.
Kreuz und quer durch Filsch: Da steht dem Besucher am Ende der Sinn nach einem erfrischenden Getränk. Ist aber nicht. Die einzige Gastronomie am Ort, das berühmte "Filscher Häuschen" steht seit sechs Jahren leer. Eine offene Wunde im ansonsten intakten Stadtteil-Organismus, das betont jeder Gesprächspartner. Eine Sonnenuhr an der Außenwand erinnert an bessere Zeiten, doch die Uhr für das Filscher Häuschen ist offenbar abgelaufen. "Seit 1846" steht stolz auf der Fassade, und das windschiefe Dach sieht inzwischen auch danach aus. In den Ornament-Fenstern entdeckt man das Emblem der einstigen Trierer Caspary-Brauerei - noch so eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Langsam beginnt alles zu bröckeln, unter den Augen des einstigen Wirts, dem legendären "Filscher Hanni", der gerade über die Straße wohnt. Als er 2007 in Ruhestand ging und das Haus verkaufte, ging er noch von einer Weiterführung aus. Inzwischen sind die Filscher skeptisch geworden. "Es ist ein Jammer", sagt einer, der vor mehr als vier Jahrzehnten seine Hochzeit im Filscher Häuschen gefeiert hat, "ich wollte doch die goldene Hochzeit an gleicher Stelle feiern".