Bildung

Zu den Artikeln "Rheinland-pfälzische Grüne wollen die Einheitsschule" (TV vom 16. Januar) und "Grüne Bildungspolitik: CDU pocht auf Klarstellung" (TV vom 17. Januar):

Demokratische Staaten nehmen für sich in Anspruch, einen Rahmen für eine offene Gesellschaft zu bilden, sodass grundsätzlich jeder, aus welcher Schicht er auch immer kommen mag, die Chance hat, in Führungspositionen vorzustoßen. Somit ist die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs ein Prüfstein für die demokratische Verfasstheit einer Gesellschaft. Dieses Problem steht in engem Zusammenhang mit dem Thema Bildung. Die Pisa-Studien haben belegt, dass in keinem OECD-Staat die familiären Lebensverhältnisse so stark wie bei uns die Bildungswege anbahnen und sich damit wesentlich auf Lebenspläne und -chancen auswirken. So zeigt die jüngste Analyse des vierten Eurostudent-Reports durch das Hochschulinformationssystem in Hannover, dass nur zwei Prozent der Studenten in Deutschland aus Elternhäusern mit niedrigem Bildungshintergrund kommen. Dagegen haben mehr als zwei Drittel der Studierenden einen Elternteil mit akademischem Abschluss. So bildet die Bundesrepublik im Vergleich von 25 europäischen Staaten in Sachen sozialer Bildungsförderung das Schlusslicht - zusammen mit Kroatien, Polen, Lettland und der Slowakei. Zwar hat die Landesregierung seit den Pisa-Ergebnissen einiges in die Wege geleitet, leider zu sehr dem Aktionismus verhaftet, so dass es durchaus zu begrüßen ist, wenn die Grünen die Bildungschancen durch die Einführung der Einheitsschule verbessern wollen. Die deutsche Einheitsschule geht historisch auf Bestrebungen des Allgemeinen Deutschen Lehrervereins zurück, der schon in der Revolution von 1848/49 Grundzüge eines demokratischen Schulwesens entwickelte. Es handelt sich um einen Schulaufbau von Kindergarten bis zur Universität für alle Kinder und steht damit dem gegliederten Schulsystem gegenüber, das die Union noch verteidigt, wohl um Privilegien ihrer Klientel zu vertreten. In Zukunft wird jedoch der Bedarf an Höherqualifizierten kaum noch zu decken sein und sich die Kluft zwischen den wenig ausgebildeten und den qualifizierten Arbeitskräften ausweiten, was zu sozialem Sprengstoff führt. Es ist in unser aller Interesse, die Schulstrukturen zu demokratisieren und den Anforderungen des Standortwettbewerbs anzupassen. Norbert Bogerts, Welschbillig