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Katholische Kirche: Geschmacklos, gedankenlos

Katholische Kirche : Geschmacklos, gedankenlos

Zu den Artikeln „Missbrauchsdebatte: Bischof sorgt für Sturm der Entrüstung“ und „,Wir kriegen auf jeden Fall wieder Prügel’“ sowie zum Kommentar „Bischöfliche Kapriolen“ (TV vom 12. November) schreiben Michael Schlüter, Eckhard Otto, Hans-Werner Thesen und Anne Menzel:

Der Vergleich des Bischofs, dass wir alle „für Andi Scheuers Autobahnen“ zahlen, war und ist selbstverständlich völlig abwegig und wird zu Recht heftig angegriffen. Gerade ein Bischof muss halt sehr genau überlegen, was er sagt!

Doch bei aller Aufregung sei mal daran erinnert, dass unsere Gesellschaft auch an anderer Stelle in Allgemeinhaftung genommen wird: Wenn wir Verbrecher einsperren, die Gefängnisse mit Personal und Ausstattung unterhalten, geschieht das aus Steuergeldern. Wir alle sind auch in diesem Fall, ob wir es wollen oder nicht, eine Solidargemeinschaft. Wir alle haften da „mit unserem erarbeiteten Geld“ für Verbrechen einzelner aus unserer Gesellschaft.

Insofern kann man zumindest dieses Faktum wahrnehmen und darüber nachdenken, ob es auf die kirchliche Missbrauchssituation übertragbar ist; es bleibt die Frage im Raum, ob es nicht klüger und plausibler ist, hier Gelder des Bischöflichen Stuhls zu verwenden, um ein klares Zeichen des Bischofs seiner besonderen Verantwortung für „seine“ Priesterschaft zu setzen.

Im übrigen finde ich den Kommentar diesmal fair, weil wertschätzend, und gleichzeitig zu Recht kritisch. Allein der letzte Satz „[...] nicht verwunderlich, wenn sich noch mehr Gläubige von der Institution Kirche abwenden werden“ ist so was wie negative Prophetie; besser wäre es, dem Betreffenden, also hier dem Bischof, direkt seine Fehleinschätzung zu „spiegeln“ und ihn klar aufzufordern, beim nächsten Mal besser nachzudenken oder sich mehr beraten zu lassen.

Michael Schlüter, Hillesheim

Es ist himmelschreiend, nun sollen die kirchlich geplagten Missbrauchsopfer aus Kirchensteuermitteln entschädigt werden. Stephan Ackermanns Credo war bis dato, dass die Entschädigungszahlungen aus den Mitteln des Bischöflichen Stuhls bezahlt werden sollten. Also quasi aus „eigener Tasche“.

Laut TV-Angaben betrug das Eigenkapital des Bistums Trier vor circa zwei Jahren immerhin stolze 130 Millionen Euro. Woher das Eigenkapital eigentlich stammt, will ich nicht näher thematisieren, um mein Nervenkostüm zu schonen.

An Kirchensteuereinnahmen rechnet das Bistum in diesem Jahr mit 332 Millionen Euro, trotz steigender Zahl an Kirchenaustritten um zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Aussage des Bischofs, nun seien die Kirchenmitglieder als Solidargemeinschaft in der Pflicht, mit ihren Beiträgen für Verfehlungen von Geistlichen einzustehen, ist an Geschmack- und Gedankenlosigkeit nicht zu überbieten.

Aus der Glaubensgemeinschaft der Katholiken macht er eine Solidargemeinschaft, die das Vermögen der Kirche zu schützen hat. Thomas Kiessling von der Opferorganisation Missbit bringt es auf den Punkt: „Täter schützen und andere zur Kasse bitten. Unglaublich, wie der Klerus mit den Opfern umgeht.“

Die Führungskräfte der Kirche tragen für das sexuelle Fehlverhalten ihrer Geistlichen die tatsächliche moralische und finanzielle Verantwortung sowie die noch lebenden Täter und Vertuscher, die sich mitschuldig gemacht haben.

Die finanzielle Verantwortung auf das zahlende Kirchenvolk abzuladen, ist unlauter und gleicht einem profanen Taschenspielertrick.

Stephan Ackermann ist offensichtlich von allen guten Geistern verlassen. Wer sind Ihre Berater, Herr Bischof?  Der rechtskundige Mensch mag sich fragen: Kann man so ohne Weiteres zweckgebundene Kirchensteuergelder für die Entschädigung von Missbrauchsopfern verwenden? Die konsequente Antwort: Nein!

Ähnlich müssten die Steuerzahler auch für die gescheiterte PKW-Maut aufkommen. „Wir zahlen auch für Andi Scheuers Autobahnen“, so der Bischof. Dieser Vergleich ist eine bodenlose Frechheit, an Selbstherrlichkeit und Ignoranz nicht zu toppen. Seine Argumentation hat tiefstes Stammtischniveau.

Nach dem gewaltigen Aufschrei in den sozialen Netzwerken erklärt die bischöfliche Kommunikationschefin Judith Rupp im Namen des Bischofs: „Der Vergleich war zu salopp und unpassend. Menschen, die sich dadurch verletzt fühlen, bitte ich um Entschuldigung.“

Wer als hoher Würdenträger so flapsig, gar leichtfertig mit einem überaus sensiblen Thema umgeht, verliert seine Glaubwürdigkeit. Die Entschuldigung wirkt gezwungen halbherzig. Ja, es gibt brauchbare Alternativen: Berechtigte, dem Leid angemessene Zahlungen beispielsweise aus den Mitteln des Bischöflichen Stuhls an die leidenden traumatisierten Opfer zu leisten. Wenn der Bischof meint, das Ziel müsse „ein opferorientiertes und möglichst gerechtes System“ sein, ist dies ein frommer Wunsch, welcher mit seinem an den Tag gelegten Gebaren nicht in Erfüllung gehen wird.

Die Opfer stehen weiterhin im Abseits, der Missbrauchsbeauftragte Ackermann wird sich wohl im Jenseits verantworten müssen.

Die verbleibenden Kirchensteuerzahler sollten über die heiligen Worte des Würdenträgers Ackermann, wenn auch teils „witzig“ gemeint, nicht nur den Kopf schütteln, sondern dieser überwiegend unbelehrbaren, verlogenen und weltfremden Amtskirche den Rücken kehren und austreten.

Eckhard Otto, Daufenbach

Ich glaube nicht, dass Bischof Ackermann wirklich unabhängig und vorurteilsfrei an seine Arbeit als Missbrauchsbeauftragter herangehen kann. Wollen tut er das sicherlich schon, jedoch erlauben es die undemokratischen Strukturen der Kirche nur in sehr eingeschränkter Weise. Dafür ist der salopp hingesagte Vergleich zur Entschädigung der Opfer des Missbrauchsskandals und der PKW-Maut ein beredtes Zeugnis. Die Kirche macht ja immer noch ihre eigenen Gesetze. Und da ist es nur natürlich, dass man alles tut, um seine Institution „Kirche“ zu schützen. Daraus ergibt sich die Frage, ob unser Staat der katholischen Kirche zugesteht, Gesetze zu erlassen. Ist die Kirche ein Staat im Staat? Viele Fragen, bei denen sich einem Demokraten die Haare sträuben. Dass der Bischof selbst noch lebt und residiert wie einst die Kurfürsten, ergibt sich eben aus der staatlichen Alimentierung mit einem Gehalt um die zehntausend Euro pro Monat, einer Residenz direkt neben der Liebfrauenkirche, einer Limousine mit Chauffeur und sonstigen Privilegien, die ein Normalsterblicher eben nicht hat. Dies alles wird von allen Bürgern, auch denen, die kein Kirchenmitglied sind, über das allgemeine Steueraufkommen vom Staat bezahlt.

Nein, die katholische Kirche hat die Zeichen der Zeit immer noch nicht erkannt und verharrt stur in ihren absolutistischen, feudalen Strukturen und taumelt so mittelfristig der Bedeutungslosigkeit entgegen.

Gerade hat sich Bundesfinanzminister Olaf Scholz zur Abschaffung der Gemeinnützigkeit von Vereinen, die keine Frauen zulassen, geäußert. Was, wenn man solche Kriterien an die katholische Kirche anlegt? In einer demokratisch verfassten Gesellschaft sollte es eben keinen Platz geben für eine Institution – und damit meine ich die Körperschaft des öffentlichen Rechts und keineswegs die katholische Kirche als Glaubensgemeinschaft – mit undemokratischen, ja feudalen Strukturen.

Nur eine gänzlich vom Staat getrennte katholische Kirche hätte für mich eine Glaubwürdigkeit und Daseinsberechtigung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die katholische Kirche in Deutschland dazu bereit wäre. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie eines Tages die Kraft findet und zu ihren Ursprüngen zurückkehrt, und ich bin überzeugt, dass dies die einhellige Meinung der großen Mehrheit der Mitglieder der katholischen Kirche ist. Wie wäre es mit einem Anfang, wenn Bischof Ackermann auf seine Bezüge aus dem staatlichen Steueraufkommen verzichtet und seine Kollegen auffordern würde, das gleiche zu tun? Dann wäre ein erster Schritt getan, der Institution katholische Kirche so etwas wie Glaubwürdigkeit zurückzugeben.

Hans-Werner Thesen, Kenn

Zum Artikel „Kirchenrechtler sieht Bischöfe in der Pflicht“ (TV vom 14. November):

Chapeau, Herr Bischof! Ich habe mir verwundert die Augen gerieben, als ich Ihre Vorstellung über die Entschädigung der Missbrauchsopfer gelesen habe. Erst dachte ich an einen Aprilscherz, aber der 1. April liegt ja schon länger zurück. Sie sollten sich schämen, solche Äußerungen von sich zu geben. Es ist unvorstellbar, die Opfer aus den Einnahmen der Kirchensteuer zu entschädigen. Dies ist eine Steilvorlage zum Austritt aus der Kirche.

Mit Genugtuung habe ich gelesen, was der Kirchenrechtler Professor Thomas Schüller sagt: Es wäre nicht mehr als gerecht, wenn die Bischöfe auf einen Teil ihres Gehalts zugunsten der Opfer verzichten würden. Aber ich glaube auch da heißt es eher: Wasser predigen und Wein trinken. Ich begrüße die Äußerung Professor Schüllers, auf Immobilien, Vermögen et cetera der mit Sicherheit nicht armen Kirche zu schauen.

Fazit : Irgendwann muss es mal weh tun, dann aber richtig!

Anne Menzel, Bernkastel-Kues