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Soziales: Nicht weniger, sondern gar nichts!

Soziales : Nicht weniger, sondern gar nichts!

Zum Artikel „Heimkinder sollen weniger zahlen für Unterbringung“ (TV vom 24. April) schreibt Charlotte Paltzer:

Kinder, die nicht im beschützten Kontext ihres eigenen Familiensystems aufwachsen können, tragen überwiegend schwer an ihrem Schicksal. Viele sind lebenslang eingeschränkt, weil die erfahrenen Abbrüche psychisch und physisch Schäden hinterlassen. Es darf nicht zur Diskussion stehen, ob oder wie viel Rückzahlung in Form einer Beteiligung von ihnen selbst gezahlt werden soll. Diese Kinder waren nicht beteiligt. Sie wurden zu Opfern. Die Debatte manifestiert ihren Opferstatus im Hier und Jetzt. Wir investieren viel Geld in Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe, sehr viel Geld. Wir, das sind alle Steuerzahler. Ziel dieser Maßnahmen soll sein, diesen Kindern Vertrauen zurückzugeben, damit sie trotz der erlittenen Verluste in ein selbstbestimmtes Leben gehen können. Die Forderung nach Kostenerstattung für ihre Heimunterbringung beinhaltet die Botschaft, für das Erlittene in einer Bringschuld zu stehen.

Abhängigkeiten haben diese Betroffenen in ihrem Leben genug erfahren. Wie wenig emphatisch muss ein Staat sein, der Heimkinder genau in dieser Abhängigkeit durch Rückzahlung manifestiert?

Selbst eine Absenkung von derzeit 75 Prozent des Einkommens auf 50 Prozent empfinde ich noch als Unverschämtheit gegenüber Schutzbefohlenen. Es ist eine weitere Bankrotterklärung unserer kinderfreundlichen Gesellschaft.

Eine sinnvolle Alternative könnte darin liegen, die Beauftragung von Trägern der Jugendhilfe von deren langfristigen Erfolgsnachweisen abhängig zu machen. In der Realität sieht es meist so aus, dass für das Scheitern dieser Hilfen den schwierigen, erblich belasteten Kindern die Verantwortung zugeschrieben wird. Hier würde der Staat den einen und anderen Zehntausender einsparen können, da bin ich sicher.

Andererseits: Wen kümmert das alles schon? Haben sich die Heimtüren hinter diesen schutzlosen, oft noch kleinen Wesen erst einmal geschlossen, sind sie aus unserem Fokus verschwunden, so als ob es sie gar nicht gibt. Wiederentdeckt werden sie in der Regel,  wenn sie später durch unerwünschtes Verhalten auffallen, oder wenn wir etwas zurückfordern können.

Charlotte Paltzer, Gillenfeld