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Gesellschaft: Wer schreibt, der bleibt

Gesellschaft : Wer schreibt, der bleibt

Gesellschaft

Zum Artikel „Stirbt die Handschrift aus?“ (TV vom 22. Januar):

Zugegeben, die Digitalisierung erleichtert uns vieles, automatisiert standardisierte Prozesse, beschleunigt Rechenleistungen durch Computer und ermöglicht technische Entwicklungen, die vor 50 Jahren noch keiner für möglich gehalten hätte. Mit der Erfindung des Smartphones, dem Computer im Taschenformat, ist diese Entwicklung nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Eins sollten wir dabei aber nicht vergessen: Wer die Arbeit, die er bisher selber ausgeführt hat, anderen überlässt, der verliert über die Länge der Zeit die Fähigkeiten, die er einst hatte. Werden heute Grundschüler nach dem großen und kleinen Einmaleins gefragt, muss das Smartphone die Antwort geben und nicht der eigene Kopf, weil das Kopfrechnen nicht mehr trainiert, geübt wird. Wenn Lesen und Schreiben nicht mehr trainiert und geübt werden, verkümmern auch diese Fähigkeiten zunehmend. Im übrigen nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen. Das bekannte Sprichwort „Übung macht den Meister“ bringt es auf den Punkt. Nur das, was ich regelmäßig anwende, erhalte ich mir als Fähigkeit. Wenn ich es nicht mehr trainiere, wird es verkümmern und durch etwas anderes ersetzt werden. Die moderne Hirnforschung hat dazu das Schlagwort kreiert: Use it or lose it (gebrauche es oder verliere es). Neue Nervenzellen im Gehirn bilden sich nur, wenn unser Gehirn gefordert wird, wenn wir es nutzen und trainieren.

Das gilt auch für die Handschrift. Wenn wir mit der Hand schreiben aktivieren (trainieren) wir unser Gehirn. Mehrere Gehirnareale sind gleichzeitig aktiviert und wirken zusammen. Dabei ist das Schreiben mit der Hand weit mehr als die verschriftliche Informationsweitergabe oder das Speichern von Daten auf einem Blatt Papier. Mit dem handschriftlichen Schreiben drücken wir uns aus. Häufig ist es ein kreativer Prozess. Der gedachte Gedanke, das gesprochene Wort findet über die Handschrift dauerhaft seinen Ausdruck und bleibt besser gespeichert, weil er neben dem gedanklichen Erinnern auch den Weg über die Hand gegangen ist.

Unsere (Unter)Schrift ist so einzigartig und individuell wie jeder Fingerabdruck. Das handschriftliche Schreiben gibt uns die Möglichkeit, etwas entstehen zu lassen und dabei zu erleben, es selbst getan zu haben. Wir verleihen unseren Gefühlen Ausdruck, auch weil das Schreiben uns dazu zwingt, uns Zeit zu nehmen, nachzudenken und dann etwas zu Papier zu bringen. Sicherlich kann man einen Liebesbrief auch mit Paste und Copy viel schneller gestalten. Doch wer will so einen Brief erhalten? Die Handschrift ist eine Kulturleistung des Menschen, die er sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht aus der Hand nehmen lassen sollte. Wer schreibt, der bleibt! Das gilt nicht nur für Verträge.