1. Nachrichten
  2. Mehrwert

Wie Thomas Patzelt aus Hetzerath gegen die Glücksspiellobby in den Kampf zieht.

Hetzerath : Das sind Wege aus der Glücksspielsucht

Ihre Drogen sind die Gewinnillusion und das berauschende Gefühl beim Spielen: Obwohl die Glücksspielsucht bereits seit 2010 eine anerkannte Krankheit ist, gelten Betroffene eher als Randgruppe. Wie der Landesverband für Selbsthilfegruppen Glücksspielsüchtiger in Hetzerath dies ändern will.

Alles beginnt mit dem einem Glücksgefühl, als der Automat das erste Mal den Gewinn ausspuckt. Ein wohliges Gefühl, eine Befriedigung für etwas, das im Leben fehlt. Dieses Gefühl verlangt nach mehr, viel mehr – so ist die Droge zunehmend die Suche nach dem Glücksgefühl des Anfangs.

„Glücksspielsucht ist bei einem Menschen nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Thomas Patzelt, Suchtberater und Kompetenztrainer aus Hetzerath. Er weiß, wovon er spricht. Der 50-Jährige selbst ist seit 2007 spielfrei, hat eine jahrelange Glücksspielkarriere bis hin zur Beschaffungskriminalität hinter sich. Eine Sucht, für die er Schulden gemacht hat, für die er in die Insolvenz gegangen ist, Freundschaften verloren hat, Berufsverbot in Kauf genommen hat und letztlich Ehe und Familie aufs Spiel gesetzt hat. Er weiß heute: „Das Glücksspiel selbst macht nicht süchtig, aber es ist der Ersatz für etwas.“

Was besonders fatal ist: Weil die Glücksspielsucht nicht an einen Stoff wie Alkohol oder Drogen gebunden ist, gelangt der Körper nicht in eine physische Abhängigkeit und einen Verfall. Wohl aber in eine psychische Abhängigkeit und unter Druck. Mit massiven Folgen.

So wundert es kaum, dass die Suizidrate bei Glücksspielsüchtigen im Vergleich zu allen anderen Süchten mit am höchsten ist. „Es dauert etwa zehn Jahre, bis sich Betroffene oder ihr Umfeld outen“, sagt der Trainer. In dieser Zeit wird die Sucht im Geheimen gelebt, sie wird verdrängt, schöngeredet, mit Lügengeschichten verbunden, damit niemand hinter das Geheimnis kommt. „Es rufen mich auch Ärzte an, die während ihrer Sprechstunde im Internet zocken“, sagt der Suchtberater. Denn: „Ob Stress, Traumata, Angst oder Druck: Diese Sucht kann jeden treffen, der darin eine Ersatzbefriedigung sucht.“ Sogar Zwölfjährige könne es treffen, die über Spielekonsolen immer weiter spielten – bis das Spielen nur noch online gegen Zahlung weitergehen könne.

Deshalb kämpft Thomas Patzelt als Sprecher des Landesverbands für Selbsthilfegruppen Glücksspielsüchtiger in Rheinland-Pfalz auch für eine bessere Vor- und Nachsorge. In Schulen, Fachkliniken, Banken und Justzvollzugsanstalten referiert er: „Wir brauchen eine größere Lobby“, fordert er.

Glücksspielsucht oder das sogenannte Pathologische Spielen ist zwar seit 2010 von den deutschen Krankenkassen als Krankheit anerkannt. „Doch stehen wir in der Akzeptanz im Vergleich zu Alkohol noch am Anfang mit unseren Anstrengungen“, sagt er. Seit 2012 kämpft er nun im Verein spielfrei24 in mehreren Bundesländern für mehr Aufmerksamkeit. Von der Krankenkasse Barmer hat der Verein nun 4350 Euro Förderung „als vorbildliches Beispiel für das unverzichtbare Engagement von Selbsthilfeprojekten“ für eine Filmproduktion erhalten, mit der er aufklären, informieren und sensibilisieren will. 

Einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zufolge sind rund 430 000 Menschen in Deutschland glücksspielsüchtig. Doch diesen Zahlen kann Patzelt wenig abgewinnen: Die Dunkelziffer liegt ihm zufolge mehr als doppelt so hoch. Die Zahl der Gefährdeten geht auch angesichts zunehmender Online-Glücksspiele in die Millionen. Zumal dort der Zugang weltweit und 24 Stunden am Tag frei ist.

Knapp 80 Prozent der Deutschen haben immerhin schon mal in ihrem Leben ein Glücksspiel gespielt, Lotto und Sportwetten inklusive. „Wenn man bedenkt, dass ein Betroffener zehn Opfer mit sich zieht, weil er sie belügt, betrügt, hintergeht, bestiehlt und in den Ruin führt, dann ist der Bedarf für mehr Öffentlichkeit da“, sagt er. Doch zu häufig werde die Krankheit als Charakterschwäche abgetan und nicht ernst genommen.

Glücksspielsucht kommt nämlich auch die Gesellschaft teuer zu stehen. „Unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten ist die Glücksspielsucht eine der teuersten psychischen Störungen“, meint etwa der Psychiater Professor Dr. Jobst Böning von der Universität Würzburg im „Deutschen Ärzteblatt“.

Thomas Patzelt kämpft von Hetzerath aus gegen eine gewaltige und finanzstarke Lobby: Mit einem durchschnittlichen Jahresumsatz von 14 Milliarden Euro ist der deutsche Glücksspielmarkt der größte der Europäischen Union. Zwischen 2013 und 2019 hat sich laut Deutschem Sportwettenverband der Umsatz der Branche von knapp vier auf fast acht Milliarden Euro verdoppelt. Die Werbung treibt diese Entwicklung voran, in der auch Fußballstars auftreten.

„Daran wird laut Patzelt auch der neue Glücksspielstaatsvertrag nichts ändern, der im Juli in Kraft getreten ist und sich anderen europäischen Ländern anpasst. Auch wenn der Vertrag nun Werbung durch aktive Fußballspieler und Funktionäre untersagt und eine zentrale Sperrdatei vorgesehen ist (siehe Info), so schafft das ehemals illegale, aber geduldete, Werben für Online-Glücksspiele nun für Betroffene neue Gelegenheiten für das Ausleben der Sucht. „Glücksspiele sollen gemacht werden. Jeder entscheidet hier für sich“, sagt der Suchtberater, der gelernt hat, mit seiner Krankheit zu leben und seinen Bezug zu Geld wieder gewonnen hat. „Aber mich ärgert, dass die Lobby immer einen Schritt voraus ist. “