| 18:14 Uhr

Trierer Waldforum
„Dann haben wir ein Klima wie in Madrid“

 Wird sie in Zukunft für den Wald noch wichtiger? Schon jetzt breitet sich die Esskastanie mit anderen wärmeliebenden Baumarten aus.
Wird sie in Zukunft für den Wald noch wichtiger? Schon jetzt breitet sich die Esskastanie mit anderen wärmeliebenden Baumarten aus. FOTO: picture alliance / Sebastian Gol / Sebastian Gollnow
Trier. Das Trierer Waldforum zeigt 500 Zuhörern, wie dringend mehr Klimaschutz nötig wäre. Nicht nur für den Forst. Von Katharina De Mos

Wie viele der 500 Zuhörer trägt Gundolf Bartmann Förstergrün, als er das Podium besteigt und hinter ihm auf der Leinwand riesengroß die Titelseite einer Zeitung erscheint. „Für uns wird es Zeit“,  lautet die Überschrift. „Wir wissen, dass wir die Welt retten müssen – und auch wie. Warum tun wir es dann nicht?“

2009 sei diese Ausgabe der „Zeit“ erschienen. „Vor zehn Jahren“, sagt der Leiter des Trierer Forstamts, der das vierte Trierer Waldforum ganz bewusst dem Thema Klimawandel gewidmet hat. Ein Thema, bei dem es viel zu wenig Bewegung gibt, obwohl es viele bewegt. Nicht  nur Politiker und Profis aus der Holz- und Waldwirtschaft – auch mehrere Dutzend Schüler sind in die Trierer Europahalle gekommen. Die einen mit ihren Leistungskursen. Die anderen mit Plakaten, die zu mehr Klimaschutz aufrufen. Denn wie Bartmann finden sie, dass es Zeit wird. Nicht für immer neue Klimaziele, sondern für Maßnahmen, die etwas bewirken.

„Jede CO2-Reduktion ist sinnvoll“, betont der Trierer Umweltmeteorologe Günther Heinemann in einem Vortrag, der wohl manchem Zuhörer noch länger nachgehen wird. Verdeutlicht er doch, welche Folgen Untätigkeit haben kann. Selbst dann, wenn sich alle an die Zusagen von Paris hielten, sei bis 2100 mit einem Temperaturanstieg um weitere 3,5 Grad Celsius zu rechnen, sagt der Trierer Universitätsprofessor. Das Zwei-Grad-Ziel sei nur zu erreichen, wenn die CO2-Emissionen spätestens ab 2020 drastisch reduziert würden. Wie spätere Vorträge zeigen, geht das allerdings nur, wenn jeder Einzelne sein Leben verändert – anders reist, heizt, einkauft oder isst, damit weniger Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen.

Anhand von Klimamodellen hat Heinemann auch untersucht, welche Folgen der Klimawandel in der Region Trier hat. Heute gebe es alle fünf bis zehn Jahre eine Hitzewelle, bei der mehr als 37 Grad erreicht werden. 2091 bis 2100 werde es Hitzewellen mit über 43 Grad Celsius ein bis zwei Mal jährlich geben. Welch dramatische Folgen Hitze und Dürre für den Wald haben, offenbarte 2018 – das wärmste je dagewesene Jahr in Deutschland. Eines der vielen Rekordjahre, die es gab, seit die von Bartmann zitierte Zeitung vor zehn Jahren erschien. „2018 zeigt, wie die Zukunft aussehen wird“, sagt der Wissenschaftler.

Und das bereitet der rheinland-pfälzischen Forstministerin Ulrike Höfken (Grüne) große Sorgen. „84 Prozent unserer Bäume weisen Schäden auf. Das sind elf  Prozent mehr als noch 2017“. Wegen der langen Dürre waren Nadelbäume so geschwächt, dass sie sich nicht mehr gegen Borkenkäfer wehren konnten. 80 Millionen Euro Schaden richteten die Käfer landesweit an. Weil auf einen Schlag so viel Holz auf den Markt kam, sanken die Preise. „Der Holzmarkt in Mitteleuropa ist zusammengebrochen“, wettert der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrates, Georg Schirmbeck. Er wünscht sich, dass es 2019 kalt bleibt und regnet. Aber ob das passiert?

 Logo_Klimaschutz_konkret
Logo_Klimaschutz_konkret FOTO: TV / Schmitz, Alexandra

Seit 1881 ist die Jahresmitteltemperatur in Rheinland-Pfalz um 1,6 Grad gestiegen. Höfken betont: Wenn eintrete, was das Kompetenzzentrum für Klimawandelfolgen vorhersage und die Durchschnittstemperatur um bis zu weitere 4,4 Grad steige, dann habe man hier ein Klima wie in Madrid. „Das sind andere Wälder, die da wachsen!“ Auch Ulrich Matthes, Leiter des Kompetenzzentrums, geht davon aus, dass heimische Bäume dann an ihre Grenzen kämen. Selbst die anpassungsfähige Buche. Schon jetzt breiten sich wärmeliebende Arten wie Esskastanie, Speierling, Elsbeere oder Eichen aus – ebenso wie immergrüne Sträucher. In Zukunft müsse man wohl auch darüber nachdenken, fremdländische Arten anzupflanzen – Flaum­eichen, Zypressen, Wacholder ...

Aktuell verabschiedet sich die rheinland-pfälzische Forstpolitik bewusst von der Fichte und setzt auf einen artenreichen Mischwald. Die Nadelbestände werden mit Laubbäumen unterpflanzt, damit die nächste Generation bereitsteht, wenn die Erntezeit kommt – und das kann wegen der Borkenkäferplage schneller sein als geplant.

Der Wald sei aber nicht nur Opfer, sondern als großer CO2-Speicher auch Teil der Lösung, sagt Höfken. „Wir müssen den Wald retten“, appelliert Triers Dezernent Andreas Ludwig. Und niemand in diesem ungewöhnlich förstergrünen Publikum würde ihm da widersprechen.