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Picknickkonzert Philharmonisches Orchester Trier Hochstenbach Amphitheater

Open-air-Konzert : Einmal Mond und zurück

Ein etwas anderes Picknickkonzert: Statt an die Porta lud das Philharmonische Orchester Trier ins Amphitheater ein. Dort saß das Publikum auf den Stühlen fest und musste aufs Flanieren verzichten. Ebenso wie auf den traditionell gemeinsam gesungenen Gefangenenchor aus „Nabucco“.

Am Anfang war das Wort. Und das war beim Oberbürgermeister. Wolfram Leibe freute sich wie Bolle über die 500 Besucher, die – mit enormem logistischen Aufwand seitens der Mitarbeiter der ttm (Trier Tourismus und Marketing GmbH), die gemeinsam mit dem Theater und Popp Concerts als Veranstalter der Konzertreihe zeichnet – im weiten Oval des Amphitheaters verteilt worden waren. Das Konzert war ausgebucht (ausverkauft wäre falsch, denn die Tickets waren ein Geschenk der Stadt), obwohl zwischen den Stuhlreihen – coronabedingt – viele Lücken klaffen mussten. Aber damit möglichst viele Musikfreunde dieser mittlerweile zum festen Angebot der Stadt gehörenden Veranstaltung daran teilhaben konnten, hatten sich GMD Jochem Hochstenbach und das Philharmonische Orchester spontan entschlossen, das Konzert drei Mal zu geben (eines der beiden Konzerte am Sonntag fiel aber wegen Regens aus). Und gleich noch ein Lob zog Leibe für die Musiker aus dem Ärmel, hatten viele während der Zwangspause doch im Impfzentrum, nein, nicht zur Spritze, aber zu Bleistift und Papier gegriffen, um den Ärzten und dem medizinischen Personal beim organisierten Piksen bürokratisch unter die Arme zu greifen.

1000 Zuhörer also – das ist weniger als die Hälfte der Menge, die sich in den vergangenen Jahren an der Porta tummeln konnte. Und nichts im Vergleich zu den 20 000, die sich zu Kaisers Zeiten im Theater drängelten, wie Giovanni Rupp berichtete, der mit teils verschmitzt verstolperten Moderationen durch den lichten Sommerabend führte und dabei die Gelegenheit nutzte, heftigst mit den Zuschauer(inne)n in der ersten Reihe zu flirten.

Was ja auch nur deshalb klappte, weil die Besucher nicht, wie vor der Porta, frei flanieren (wenn sie denn wollten) und Musik und Interpreten mal von vorn, von der Seite oder ganz hinten genießen konnten. So hatte die Veranstaltung eher das Ambiente eines „normalen“ Konzerts, wo man lieber nicht mit der Chipstüte knistert oder Käsehäppchen aus der Plastikschale klaubt. Als dann tatsächlich mal ein Sektkorken knallte, sorgte das natürlich sofort für Sonderapplaus und eine spontane Comedy-Einlage von Moderator Rupp.

Auf dem Picknickprogramm stand eine Europareise mit Abstechern in die USA sowie einmal Mond und zurück. Glücklicherweise ist ein solcher Trip in diesen Zeiten uneingeschränkt möglich, selbst da, wo – im außermusikalischen Leben – noch Vorbehalte sind. Und ein Einreiseverbot beispielsweise nach Norwegen lässt sich mit der Peer-
Gynt-Suite von Edward Grieg relativ leicht umgehen. Da passt auch die frische „Morgenstimmung“ in die sommerlich lauen Abendstunden. Den kantablen Auftakt machten Blaise Rantoanina und Einat Aronstein, die quasi einen Appetithappen von dem servierten, womit sie derzeit im Brunnenhof begeistern: als kokette Rosina („Una voce poco fa“) und sehr lyrischer Graf Almaviva („Ecco ridente“). Als weitere Solisten glänzten Réka Kristóf, die als sehnsuchtsvolle Nymphe „Rusalka“ den Mond besang und sich damit Antonín Dvoráks populärste Opernarie für den Abend gesichert hatte. Der Bass-Bariton Matthias Bein komplettierte das Gesangsquartett als Magier Dappertutto mit einem aus tiefster Seele und Körper kommendem „Scintille diamant“, hierzulande besser bekannt als „Leuchte heller Spiegel mir“.

Von Frankreich war‘s nicht mehr weit bis nach Spanien, wo es auf der „Hochzeit des Luis Alonso“ ziemlich hoch herging. Die Fiesta in Form einer Zarzuela, einer Art Singspiel auf Spanisch, das in unseren Breiten nie so recht populär geworden ist, hat Jerónimo Giménez y Bellido 1897 in Madrid ausgerichtet: ein Fest für Kastagnetten und Tambourin.

Dass Musik auch per Fernbeziehung klappt, bewiesen Hochstenbach und seine Blechbläser(innen) mit Aaron Coplands „Fanfare for the Common Man“ und der Knall-Nummer „Indiana Jones“ von John Williams. Die Damen und Herren hatten mit Hörnern, Trompeten, Posaunen und Tuba am Rand des Runds Aufstellung bezogen, während der GMD selbst aus rund 30 Metern Entfernung vom Pult  aus die Einsätze gab, akzentuiert von explosiven Pauken und wuchtig großer Trommel auf dem Podium hinter ihm.

Fehlt noch der Mond auf diesem Trip. Auf den konnte man mit Giovanni Rupp fliegen, der neben seiner Anchorman-Tätigkeit auch als Sänger in Erscheinung trat. Bei „Fly me to the moon“ waren die Triebwerke der Rakete (sprich, die Musiker im Hintergrund) freilich ein bisschen zu laut (oder die Technik im Kontrollzentrum hatte die falschen Regler bedient), als dass Rupp das Steuer hätte an sich reißen können. Dafür konnte er später ziemlich überzeugend verkünden, dass er „von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ sei – und zwar offen in jede Richtung wie weiland Marlene.

Großer Jubel für alle Mitwirkenden. Natürlich erklatschte sich das Publikum eine Zugabe, die „Tritsch-Tratsch-Polka“ von Johann Strauß, eine veritable Rausschmeißernummer. Und es wollte noch eins drauf haben. Da konnte Jochem Hochstenbach allerdings nur das gleiche Dessert erneut anbieten, weil man, wie er ganz und gar nicht zerknirscht gestand, nicht genug geübt habe.

Als Alternative stünde lediglich eine Tonleiter zur Wahl. Wäre auch nicht schlecht gewesen.