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Vielfältig: Das Programm der rainy days in Luxemburg

Festival : Wunderkammer und „Happiness machine“

Unter dem Titel „less is more“ praktizieren die Luxemburger „rainy days“ musikalischen Pluralismus.

 "Wunderkammer" im Rahmen von rainy days in der Philharmonie. Foto: Alfonso Salgueiro
"Wunderkammer" im Rahmen von rainy days in der Philharmonie. Foto: Alfonso Salgueiro Foto: Alfonso Salgueiro/Alfonso Salgueiro Lora

Der meist regenreiche November ist da und mit ihm die Luxemburger „rainy days“. Vom 22. November bis zum 1. Dezember umfasst das Luxemburger Festival 18 Konzerte, eine Klanginstallation, Künstlergespräche, eine Konferenz zum Veranstaltungsmotto und den Workshop der „Luxembourg Composition Academy“. Die Veranstaltungsreihe steht in diesem Jahr unter dem Motto „less is more“, also „weniger ist mehr“. Das Programm erweckt allerdings nicht gerade den Anschein asketischer Einfachheit. Bei der Lektüre des erneut umfang- und inhaltsreichen Begleitbuchs stellt sich eher der Eindruck eines ausgeprägten Stil-Pluralismus’ ein. So präsentiert Manos Tsangaris in seinen „Abstract Pieces“ zur Eröffnung (22. November) im Grand Théâtre die Erzählung von Orpheus und Eurydike über das Erlebnis von Raum, Szene, Licht, Bewegung, Musik, Video und Sprache – ein experimentelles Musiktheater, das keine Fachkenntnis beim Zuschauer voraussetzt, sondern nur eins: die Bereitschaft, Kreativität wahrzunehmen und nachzuvollziehen. Wie ein Grundton durchzieht das gesamte Veranstaltungsprogramm der offenkundige Wille, Musik so zu vermitteln, dass sie als Kunst wahrnehmbar und in den persönlichen Horizont der Besucher integrierbar wird. Die „Wunderkammer“ am letzten Tag des Festivals (1. Dezember, ab 11 Uhr) macht die gesamte Philharmonie zum Schauplatz von Feuerzeug-Performances, von klassischer Percussion, von Spielzeugklavieren, Live-Video und Streichquartett und hat für alle Kinder ab sechs Jahren sogar spezielle „Dunkelkonzerte“ im Programm. Dass das Klangforum Wien gemeinsam mit zehn Animationsfilm-Künstlerinnen am selben Tag mit der „Happiness machine“ eine künstlerische Annäherung an die vom Markt bestimmte Wirtschaftsordnung plant, passt genau in das Bild eines Festivals, das entschieden auf Gegenwart und Pluralität setzt und dabei Simplizität ebenso wenig scheut wie Annäherungen an Trivialität. Gleichwohl bleiben die ausgeprägt ästhetischen Klang-Ereignisse nicht aus. So besingen Star-Sopranistin Sarah Maria Sun mit den Uni­ted Instrument of Lucilin in Salvatore Sciarrinos „Infinito nero“ (24. November) die Visionen der Mystikerin Maria Maddalena de Pazzi aus dem 16. Jahrhundert und preisen anschließend in Per Norgards „Seadrift“ die irdische Liebe. Schließlich richtet sich auch Nika Schmitts Klang­installation mit dem Titel „Echotrope“ an alle Sinne. In einem Pavillon neben dem Philharmonie-Gebäude werden die 823 Säulen der Philharmonie zu Klangerzeugern und in die Philharmonie übertragen. Architektur und die spezielle Klanggebung ergänzen einander. Der Raum des Konzerthauses wird beim Rundgang auf der Galerie über Klänge erfahrbar. Von Anfang an und danach Schritt für Schritt haben sich die „rainy days“ von jedem kompositorischen Monopolanspruch distanziert. Schon seit einigen Jahren manifestiert sich das im Untertitel. Die „rainy days“ sind ein „Festival de musiques nouvelles“, wörtlich: ein Festival der „Neuen Musiken“. Was auch bedeutet: Die Zukunft des Komponierens ist zwar nicht populistisch, aber ganz sicher von Vielfalt geprägt.