Weil immer mehr Fachkräfte fehlen, müssen die vorhandenen Mitarbeiter immer mehr arbeiten.

Arbeit : Die Lage spitzt sich zu

Weil immer mehr Fachkräfte fehlen, müssen die vorhandenen Mitarbeiter immer mehr arbeiten.

() Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der Fachkräftemangel wird in der Wirtschaft immer mehr zum Risikofaktor. Nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die bereits vorhandenen Mitarbeiter. Die Industrie- und Handelskammern (IHK) in Rheinland-Pfalz schlagen mit den erstmals landesweiten Daten zum Fachkräftemangel in ihren Betrieben gebündelt Alarm und sehen die Personalnot als größtes Geschäftsrisiko für die Betriebe.

„Deutlich wird: Es besteht Handlungsbedarf. Heute sehen sich bereits 60 Prozent der Unternehmen stark oder sehr stark vom Fachkräftemangel betroffen – in zehn Jahren steigt diese Quote auf 85 Prozent“, fasst Arne Rössel, Sprecher der IHK-Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz, die Ergebnisse zusammen. Das führe insbesondere zu einer steigenden Mehrbelastung der vorhandenen Belegschaft: Zwei Drittel der Unternehmen müssten die Arbeit auf weniger Köpfe verteilen. „Mehr als die Hälfte der Betriebe kann Wachstumschancen nicht nutzen. Wir benötigen Rahmenbedingungen, die Unternehmern den Umgang mit dieser Herausforderung vereinfachen“, sagt er mit Sorge.

61 Prozent der Unternehmen in Industrie, Handel und Dienstleistung beklagen vor allem einen Mangel an Fachkräften mit gewerblich-technischen Berufen. Bei gut 28 Prozent der Firmen fehlen Mitarbeiter, die in kaufmännischen Berufen ausgebildet wurden. Knapp elf Prozent der Betriebe suchen Mitarbeiter in der Hotellerie und Gastronomie. An der Erhebung beteiligten sich 530 rheinland-pfälzische Unternehmen. „Zwar werden überall Fachkräfte gesucht, besonders hervorzuheben sind jedoch die MINT-Berufe, bei denen zwei Drittel der Unternehmen Probleme haben, Stellen zu besetzen“, ergänzt Dirk Michel, Sprecher der IHK-Arbeitsgruppe Fachkräftesicherung Rheinland-Pfalz.

Professor Christina Günther, Inhaberin des IHK-Lehrstuhls für kleine und mittlere Unternehmen an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar, fordert: „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel zu Weiterbildung und Qualifizierung, vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen. Die Halbwertzeit formaler Qualifikation reduziert sich in Zeiten von Digitalisierung und Technologisierung zunehmend. Noch sei das Verständnis von Bildung nicht flächendeckend auf zukünftige betriebliche Anforderungen eingestellt. Es brauche mehr Anreize und Unterstützung für Mitarbeiter und Unternehmen, um lebenslange Weiterqualifizierung zu fördern.“

Ein Turm aus Styropor-Bausteinen, der den ohne Fachkräfte zusammenbrechenden Arbeitsmarkt symbolisieren soll, wird bei einer Demonstration vor dem Arbeitsministerium in Berlin aufgebaut. Foto: dpa/Stephanie Pilick

Rein theoretisch sehen die rheinland-pfälzischen Unternehmen dies ähnlich und nennen Lebenslanges Lernen mit 73 Prozent als wichtigsten Trend in der Personalarbeit. Der wachsende Innovationsdruck mache es erforderlich, dass junge Mitarbeiter neues Wissen ins Unternehmen einführten, erklärt Christina Günther von der privaten Hochschule für Wissenschaft & Management (WHU) in Vallendar. Bei den Ansprüchen der jungen Generation rangiere die berufliche Weiterbildung an erster Stelle, noch vor Gehalt und flexiblen Arbeitszeiten. Weiterbildung sei ein wesentliches Puzzle-Teil für den Lösungsansatz der Fachkräftesicherung, sagt der Hauptgeschäftsführer der IHK Trier, Jan Glockauer.

Dazu gehörten auch die Einstellung von Fachkräften über 50, die Rekrutierung von Migranten und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Nach wie vor ist die berufliche Qualifikation das Nadelöhr: 75 Prozent der Unternehmen haben akuten Bedarf an Mitarbeitern mit abgeschlossener Berufsausbildung, rund die Hälfte sucht zudem verstärkt nach Mitarbeitern mit Höherer Berufsbildung, wie zum Beispiel nach Industriemeistern“, erklärt Glockauer. Für Mitarbeiter mit akademischer Bildung liege dieser Wert nur bei 22 Prozent. Die demografische Entwicklung und der Drang an die Hochschulen verschärften dieses Problem. „Die Folge: Unternehmen fehlen die Fachkräfte, um mit gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen Schritt halten und im globalen Marktgeschehen weiterhin bestehen zu können“, sagt der Trierer IHK-Chef.

Der DGB-Landesvorsitzende Dietmar Muscheid kritisiert, dass in den vergangenen Jahren in Rheinland-Pfalz jährlich Tausende junger Menschen beim Übergang von Schule ins Berufsleben „auf der Strecke“ blieben. So gebe es mittlerweile fast 80 000 junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren ohne abgeschlossene Berufsausbildung. „Bei der großen Zahl an Fachkräften, die aktuell bereits fehlen, sind Unternehmen, die Arbeitsagentur und die Politik gefordert, den jungen Menschen eine Perspektive anzubieten.“

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