1. Meinung

„Das zweitbeste Leben“ von Tayari Jones, erzählt Bigamisten-Geschichte

Literatur : Zwei Ehen, zwei Töchter, ein Mann

Der Roman „Das zweitbeste Leben“ von Tayari Jones, erzählt die Geschichte eines Bigamisten, der versucht, seinen beiden Frauen und Töchtern gerecht zu werden. Wie zu erwarten, geht das auf Dauer nicht gut.

Der Roman der amerikanischen Autorin Tayari Jones beginnt mit diesem Satz: „Mein Vater, James Witherspoon, ist ein Bigamist.“ James Witherspoon ist Chauffeur. Er ist schon zehn Jahre verheiratet, als er in einem Geschäft die Verkäuferin Gwendolyn kennenlernt und sich in sie verliebt. Gwendolyn wird schwanger. Sie bekommt ein Mädchen – Dana. Nur wenige Monate später wird auch James „richtige“ Frau schwanger. Seine zweite Tochter – Chaurisse – wird geboren.

Im ersten Teil des Romans erzählt Dana aus ihrer Sicht über ihre Kindheit und das Aufwachsen als „geheime“ Tochter, die Rücksicht nehmen muss auf die Erstfamilie. Da wird das Familienbild im Kindergarten, mit einem Vater, zwei Frauen und zwei Mädchen zum peinlichen Fauxpas für ihre Eltern.

Der Vater, der sich bemüht, beiden Töchtern gerecht zu werden, gerät immer häufiger an seine Grenzen. So schenkt er seinen Töchtern eine Kinderpelzjacke, verwechselt jedoch die Größen. Die eine Tochter bekommt eine zu große, die andere eine zu kleine Jacke. Und den Kurs für außergewöhnlich begabte Kinder im Fach Naturwissenschaften kann Dana nicht besuchen, weil Chaurisse ihn schon gebucht hat. Während Dana zurückstecken muss und leidet, weiß Chaurisse nicht, dass sie eine Schwester hat.

Der zweite Teil des Buches erzählt das Leben aus Chaurisses Sicht. Eines Tages tritt Dana in ihr Leben. Obwohl der Vater es ihr ausdrücklich verboten hat, mit Chaurisse Kontakt aufzunehmen. Chaurisse nennt Dana das „Silver Girl“. Für Chaurisse sind das Mädchen, die „natürliche Schönheiten waren und trotzdem noch eine Schicht Hübsch aus dem Töpfchen auftrugen“. Sie ist von Dana fasziniert, wünscht sie sich zur Freundin. Die beiden lernen sich näher kennen und es passiert, was zu erwarten war – das Geheimnis des Vaters wird gelüftet. Es kommt zum schmerzhaften Zusammentreffen der beiden Mütter und Töchter.

Der amerikanische Ex-Präsident Barack Obama setzte den Vorgänger-Roman („In guten wie in schlechten Tagen“) von Tayari Jones auf seine Lieblingsbücher-Liste. Und auch „Das zweitbeste Leben“ hätte wieder das Zeug dazu. Nein, man kann James Witherspoon nicht böse sein, dass er sich in eine andere Frau verliebt und zu ihr steht, als sie ein Kind von ihm bekommt. Doch die unklaren Verhältnisse belasten ihn und seine Zweitfamilie. Sie fühlen sich in die zweite Reihe zurückgedrängt und weniger geliebt. „Vielleicht war meine Mädchenzeit nicht die glücklichste. Aber bei wem ist sie das schon?“ fragt Dana rückblickend.

James Witherspoon ist ein Mann, der im Prinzip ein geregeltes Leben führen und zu seinem beiden Töchtern stehen möchte, und sie doch in zwei Klassen einteilt. Die „echte“ und die „zweitbeste“. Jedenfalls empfinden die Kinder das so. Tayari Jones hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben. Sie beleuchtet alle Seiten, verurteilt nicht, zeigt aber auf. Das liest sich spannend. Als Leser ist man geneigt, sich auf die Seite Danas zu schlagen, die unter ihrer gefühlten Zweitklassigkeit leidet, immer wieder an der Liebe ihres Vaters zweifelt und sich dennoch zu ihrer Halbschwester hingezogen fühlt. Jones schafft es, die Geschichte lakonisch und dennoch ergreifend und mitreißend zu erzählen.
Stefanie Glandien

Tayari Jones, Das zweitbeste Leben, Arche Verlag, 352 Seiten, 22 Euro.