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Aufgeschlagen - Neue Bücher: „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen
Ein Heimatroman mal ganz anders

 Mittagsstunde von Doerte Hansen penguin verlag
Mittagsstunde von Doerte Hansen penguin verlag FOTO: penguin verlag
Die Journalistin und Autorin Dörte Hansen widmet sich nach dem Debüt „Altes Land“ in ihrem zweiten Roman „Mittagsstunde“ dem deutschen Dorfleben. Von Stefanie Glandien
Stefanie Glandien

Ingwer Feddersen ist nicht unglücklich, aber so richtig zufrieden ist er auch nicht. Seine Mutter, psychisch labil, wurde mit 17 Jahren von einem Landvermesser geschwängert. Über den Vater schweigt sie sich aus. Ingwer wächst bei den Großeltern in einem kleinen Dorf in Nordfriesland auf. Statt den alten Dorfkrug seines Großvaters zu übernehmen, studiert Ingwer in Kiel Archäologie und wird Hochschullehrer. Schon das ist den Leuten im Dorf suspekt.

Der 47-Jährige lebt in einer Dreiecksbeziehung mit einer Architektin und einem Freund zusammen in einer Wohngemeinschaft. Doch irgendwie fühlt er sich wie das fünfte Rad am Wagen. Als ihm die Uni eine einjährige Auszeit genehmigt, kehrt er in sein Dorf zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern und über sein Leben nachzudenken.

Schon in ihrem Debüt „Altes Land“ hat Dörte Hansen das Landleben thematisiert. Nun gibt es mit „Mittagsstunde“ einen wunderbaren Nachschlag. Die Charaktere sind einfach köstlich. Obwohl die Geschichte im hohen Norden spielt und auch kräftig Plattdeutsch gesprochen wird, ist das Leben im fiktiven Ort Brinkebüll eins zu eins auf andere Dörfer übertragbar. Großvater Sönke, krumm und steif, kann zwar kaum noch über den Tresen gucken, aber ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Während seine Frau Ella, die schon ziemlich durcheinander im Kopf ist, ihrem Enkel alles abfordert. Die sterbende Dorfkneipe – auch das kennt man. Zitat: „Die Jungen wollten sich das nicht mehr antun, Gastwirt sein, es war kein Job für Heuler. Sie kamen nicht mehr zum Frühschoppen am Sonntag. Die jungen Väter fuhren schwimmen mit der Frau und den Kindern oder mussten Sprösslinge zum Fußballspielen fahren. Gingen joggen oder brunchen. Bauten Carports, daddelten an ihren Spielkonsolen.“

Ingwer Feddersen spielt die Hausfrau, wäscht seinen Großvater, kutschiert die alten Leutchen zu diversen Ärzten, hört sich ihr Gemecker an, wenn das Essen nicht um Punkt zwölf auf dem Tisch steht. „Er holte sich hier etwas ab, was ihm noch fehlte. Einen Nachschlag Brinkebüll.“

Kennt man selbst ja auch. Die Rückkehr in die alte Heimat ist zugleich wie eine Zeitreise. Man wird wieder Kind, nimmt bekannte Gerüche auf, sucht den Abgleich vom Heute zum Gestern. Dörte Hansen hat Ingwers Zeitreise in die Kindheit geistreich und witzig aufgeschrieben. So ist ihr ein geniales Portrait des dörflichen Lebens im Wandel der Zeit gelungen. Mit all seinen Facetten und Schrägheiten, mit melancholischen Augenblicken, nie verklärend, eher realistisch und fast ein bisschen bedauernd, dass die alten Zeiten so nicht mehr wiederkommen werden.

Genauso wenig wie die Mittagsstunde, während der man sich früher gepflegt aufs Ohr legte. „Wenn das Dorf wie ein betäubtes Tier zusammensackte. Bis in den Küchen und den Stuben nach und nach die Tageszeitungen zu Boden glitten und tief geatmet wurde auf den Eckbänken und Sofas.“

Dörte Hansen, geboren in Husum, hat einen Heimatroman geschrieben, der aber ganz ohne Kitsch und Nostalgie auskommt und seine Leser bestens unterhält.

⇥Stefanie Glandien

Dörte Hansen, Mittagsstunde, Penguin Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.