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Politik: Bah, wat habt ihr für einen fiesen Charakter ...

Politik : Bah, wat habt ihr für einen fiesen Charakter ...

Zur Berichterstattung über den Rücktritt des Trierer Dezernenten Thomas Schmitt, zur Diskussion über Corona-Impfungen der Landräte Gregor Eibes und Heinz-Peter Thiel und zu weiteren Beiträgen über „Vordrängler“ schreiben Konrad Theis, Dieter Ackermann, Liesel Lintz, Regina Quapp-Politz, Achim Schaefer, Winfried Schäfer, Dr. Peter Westrich und Prof. Wolfgang Grandjean:

Der Rücktritt von Thomas Schmitt findet meine große Anerkennung. Er hat nach der Impfung schnell reflektiert, dass es ein Fehler war, der Impfung zuzustimmen. Als Dezernent kannte er die Impfverordnung, die klare Aussagen macht, wem überschüssige Dosen zu verimpfen sind. Mit seinem Rücktritt hat er meiner Meinung nach sehr konsequent und richtig gehandelt. Was extrem positiv für den Menschen Thomas Schmitt spricht: Er wollte sich nicht den Verlust der Glaubwürdigkeit als Makel zusprechen lassen.

Die örtlichen Politiker, die jetzt vehement einen Rücktritt vom Rücktritt verlangen, heucheln der Bevölkerung den Sachverhalt vor, dass die Impfverordnung nicht so wichtig sei. Dieses politische Denken ist verwerflich. An dem Rücktritt von Herrn Schmitt sollten sich Mandatsträger aller Couleur auf allen politischen Ebenen messen lassen. Wenn man einen Fehler gemacht hat, sollte man auch die Konsequenzen tragen.

Konrad Theis, Trier

Respekt! Stadtdezernent Thomas Schmitt hat sein Handeln reflektiert und eine sehr persönliche Entscheidung getroffen, aus meiner Sicht die einzig richtige. Er hat dem hohen Gut der Glaubwürdigkeit höchste Priorität eingeräumt und die unrechtmäßige Verwendung einer übrig gebliebenen Dosis Impfstoff als verwerflich erkannt.

Erschreckend dagegen die Geisteshaltung einiger Kommentatoren hierzu im TV. Glaubwürdigkeit scheint bei ihnen eher unbekannt oder aber, wenn es um einen unmittelbaren Vorteil geht, sei es auch durch ein egoistisches, unfaires und vor allem asoziales Verhalten, ohne jegliche Bedeutung. Um das unehrenhafte Handeln irgendwie zu legitimieren, wird dann auf die Dosis Impfstoff verwiesen, die da irgendwie verwaist herumlag, und dann nimmt man sie halt, was soll’s.

Nicht der Rücktritt ist ein Skandal, wie es ein Kommentator meinte, sondern ein in höchstem Maße anzuerkennendes Tun, wie es in der politischen Landschaft nur selten anzutreffen ist. Die Geisteshaltung jedoch, die Erlangung eines persönlichen Vorteils über den hohen Wert der Glaubwürdigkeit, der für ein gedeihliches Miteinander der Menschen unabdingbar ist, zu stellen, ist der eigentliche Skandal.

Dieter Ackermann, Trier

Ich raffe mich selten auf, öffentlich zu irgendetwas „meinen Senf“ dazuzugeben. Aber in diesem Fall muss ich es tun. Es wäre doch völliger Unsinn, sogar sträflicher Unsinn gewesen, diesen Impfstoff verfallen zu lassen. Herr Schmitt muss eine schlechte Meinung von den Trierer Bürgern haben, sonst wäre er nicht so schnell zurückgetreten. Er sollte das noch mal überdenken!

Liesel Lintz, Konz

Welch Zufall, dass Landräte ausgerechnet dann zur Stelle oder ohne andere Terminverpflichtung sind, wenn eine Impfdosis übrig ist. Aber wir wissen: Eine gute Vorbereitung begünstigt den Zufall! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Regina Quapp-Politz, Bernkastel-Kues

War ja nicht verwunderlich, dass die Einschläge näher kommen. Der Augsburger Bischof Meier mit seinem Adlatus Heinrich, der Trierer Ordnungsdezernent Thomas Schmitt, jetzt der Landrat Thiel im Vulkaneifelkreis. Ohnehin durch die Macht des Bürgervotums abgestraft, schmeckt die Begründung auch diesmal im Abgang etwas fade. Er sei schließlich „aktiv und operativ“ im Corona-Kampf tätig. Lassen wir das mal in unserem Haifischbecken so stehen. Wie lang die Liste der „Vorzeitigen“ wirklich ist, kann man nur mutmaßen. Bleibt aber festzuhalten, dass der Schaden durch dieses Verhalten unserer Würden- und Amtsträger enorm ist.

Achim Schaefer, Daun

In Krisenzeiten offenbart sich der wahre Charakter der Menschen. Immer mehr Informationen kommen ans Tageslicht, wodurch bekannt wird, dass immer mehr Amts- und Funktionsträger geimpft sind, wobei sie doch laut Priorisierungsliste noch gar nicht an der Reihe gewesen wären.

Wenn Geschäftsführer und Personalchefs in Krankenhäusern bereits geimpft sind, während das medizinische Pflegepersonal noch auf die Spritze wartet, dann ist dies ein Skandal. Wenn Bürgermeister und weitere Politiker sowie Führungskräfte in Verwaltungspostionen ihre Beziehungen dazu ausnutzen, frühzeitig geimpft zu werden, und damit in Kauf nehmen, dass alte Menschen ihre Impfung noch nicht erhalten konnten und womöglich sterben, dann ist so ein Verhalten beschämend, unsolidarisch, selbstsüchtig und verantwortungslos. Man kann es nur mit den Worten in Heinz Rühmanns Film „Die Feuerzangenbowle“ beantworten: Bah, wat habt ihr für einen fiesen Charakter. Gerechtfertigt wird das Verhalten oft mit der Aussage, dass ansonsten der Impfstoff verfallen wäre. In den Impfzentren müssten die aufklärenden Ärzte diese Vordrängler ganz klar abweisen. Wenn die Logistik in den Impfzentren funktionieren würde, müsste es möglich sein, bei Absagen von Impf-Terminen auch die bereits registrierten Personengruppen zu kontaktieren.

Winfried Schäfer, Ellscheid

Als ich die Nachricht darüber gelesen habe, dass Direktorium und Chefärzte des Marienhausklinikums Bendorf-Neuwied-Waldbreitbach einen Brandbrief an Ministerpräsidentin Malu Dreyer geschrieben haben mit der Forderung, anstelle von Astrazeneca mit Biontech oder Moderna geimpft zu werden, traute ich meinen Augen nicht.

Als ehemaliger, jahrzehntelanger leitender ärztlicher Mitarbeiter der Marienhaus GmbH Waldbreitbach kann ich mich für eine solche in meinen Augen anmaßende, unethische und unchristliche Forderung von Führungskräften eines katholischen Unternehmens nur fremdschämen.

Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Briefs sollten sich in Erinnerung rufen und ein Beispiel nehmen an den italienischen Ärzten und Pflegekräften der Krankenhäuser der Stadt Bergamo, die sich während der ersten Corona-Welle noch ohne jeglichen Impfschutz in aufopfernder Weise um die Schwer- und Schwerstkranken gekümmert haben. So wie ich die Waldbreitbacher Ordensschwestern kennengelernt habe, wird diese Forderung bei ihnen ebenso wie bei mir nur verständnisloses Kopfschütteln hervorgerufen haben.

Dr. med. Peter Westrich, Trier

Zum Essay „Der Terror der Tugend“ (TV vom 24. Februar):

Frank Jöricke beklagt in seinem lesenswerten Beitrag zum Rücktritt des Kulturdezernenten Thomas Schmitt die „erbarmungslose Tugendhaftigkeit von heute“, vor allem in den sozialen Medien; darin spiegele sich die „Zwangsneurose“ einer Gesellschaft, „die permanent verlangt, die Hosen runterzulassen“.

Diese Diagnose läuft Gefahr, in die falsche Richtung zu gehen, und scheint mir andererseits die mediale Realität zu verharmlosen. Zum einen wird niemand ernsthaft kritisieren wollen, dass die Öffentlichkeit auf Ehrlichkeit von Politikerinnen und Politikern bestehen muss, wobei allerdings Augenmaß und Verhältnismäßigkeit gelten müssen.

Zum anderen beschönigt der Begriff „erbarmungslose Tugendhaftigkeit“ die Motivation der Angriffe im Netz. Hinter diesen offenbart sich bei einigen gesellschaftlichen Gruppen ein Defizit im Demokratieverständnis. Es äußert sich in einer Selbstgerechtigkeit, die sich hinter der Attitüde einer political correctness verschanzt.

Dahinter steht nicht eigentlich der „Terror der Tugend“, sondern eine knallharte Strategie mit dem Ziel, die eigene Werteordnung durchzusetzen (zum Beispiel in der Gender- und Identitätsfrage oder in der Interpretation der Geschichte). Dabei bleibt eine wichtige demokratische Tugend auf der Strecke: Toleranz.

Diesen Gruppen ist entschieden entgegenzuhalten: Was Geltung haben soll, muss im demokratischen Diskurs ausgehandelt werden, in den alle gleichberechtigt eingebunden sind.

Solange dies nicht (wieder) Grundsatz unseres gesellschaftlichen Miteinanders wird, werden Shitstorms, wie sie gerade über den Alt-Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse niedergehen, und Zustände wie diejenigen, die Jöricke mit dem drastischen Bild des „Schauprozesses“ beschrieben hat, unser Land vergiften.

Prof. Wolfgang Grandjean, Trier