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Umwelt: Wie sinnvoll ist die Jagd?

Umwelt : Wie sinnvoll ist die Jagd?

Wer zum Thema Jagd recherchiert, stößt auf widersprüchliche Thesen. Helmut Lieser, Leiter des Forstamts Saarburg, ist ein Mann der Praxis, der besonders den Wald im Blick hat.

Er sagt: „Es muss gejagt werden.“ Seine Argumentationsschiene ist klassisch und entspricht in großen Teilen der der Jäger. Bis vor 120 Jahren habe es eine Selbstregulierung der Natur gegeben durch die großen Räuber wie Wolf, Luchs und Bär. Diese hätten die kranken, alten und schwachen Tiere gefressen. Lieser: „1900 ist der letzte Wolf südlich von Saarburg bei einer Polizeijagd, die vermutlich das Ziel hatte, Wölfe auszurotten, erlegt worden.“ Der Mensch habe die Natur verändert. Er müsse nun an die Stelle der großen Räuber treten und eine an den Lebensraum angepasste Wilddichte herstellen – oder die Räuber wieder ansiedeln. Lieser zweifelt allerdings daran, dass der Mensch wirklich zulässt, dass sich der Wolf wieder ausbreitet.

Die Eindämmung der Wildschäden nennt Lieser als Hauptargument pro Jagd. Ohne Jagd wird seiner Meinung nach der Waldaufbau zerstört beispielsweise durch den starken Verbiss (Abfressen der Knospen) von Reh-, Rot- und Muffelwild. Die Folgen laut Lieser: Der Wald kann sich nicht verjüngen, wohlschmeckende Arten haben keine Chance, die Vielfalt im Wald nimmt ab. Rotwild schält zudem Baumrinden ab, so dass Pilze eindringen und die Bäume bei Sturm und Schnee einbrechen. Auch landwirtschaftliche und private Flächen werden durch Wild zerstört. All diese Schäden führen zu Schadenersatzforderungen.

Dass die Jagd Wildbestände reguliert, stellt der deutsche Zoologe Josef Helmut Reichholf (73), Honorarprofessor der Technischen Universität München und Querdenker, der auf Internetseiten von Jagdgegnern wie der Tierschutzorganisation Peta häufig zitiert wird, hingegen infrage. Seine These ist, dass Bejagung dazu führt, dass Tierbestände in der sogenannten Wachstumsphase, in der die Vermehrungsrate hoch ist, gehalten werden und die Zahl der erschossenen Tiere (über-)kompensiert wird. Der Bestand komme so nicht in die Stabilisierungsphase, bei der ihn natürliche Regulationsmechanismen wie Krankheit, Winterkälte und Nahrungsmangel auf konstantem Niveau halten würde. Langfristig liege so die Zahl der Tiere höher.

Zu Reichholfs Thesen sagt Dr. Marco Heurich, Privatdozent für Wildtierökologie und Naturschutzbiologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg: „Das ist eine Meinung, die in der Ökologie der 70er/80er Jahre vertreten wurde.“ Salomonisch beantwortet Heurich die Frage, ob Jäger Wildbestände regulieren können, mit den Worten: „Das kommt darauf an.“ Studien in naturnahen Gebieten hätten gezeigt, dass Bestandsreduktionen in der Regel nicht nur eine Ursache hätten. So habe beispielsweise der Luchs Einfluss auf den Bestand seiner Beutetiere, aber vor allem in Lebensräumen mit niedriger Produktivität und strengen Wintern wie im Bayerischen Wald und in Skandinavien. Übertragen auf Jäger und Wildschweine (wozu es auch Studien gibt) bedeutet dies: In guten Wildschweinjahren, in denen zusätzlich zu den Maisfeldern Eichen- und Buchenmasten Nahrung liefern und der Winter mild ist, können die Jäger mit herkömmlichen Methoden kaum so viel jagen, dass sie den Bestand tatsächlich reduzieren. Das ist bei den Wildschweinen besonders schwierig, weil sie sich sehr stark vermehren (bis zu zehn Jungtiere) und sehr schlau sind. Angesichts der afrikanischen Schweinepest werden laut Marco Heurich deshalb Methoden wie Saufänge (Schweine werden in Gruppen gefangen und erschossen) diskutiert. Rotwild sei leichter zu regulieren, da es nur ein Kalb pro Jahr bekomme. Heurich verweist auf die per Verordnung rotwildfreien Gebiete in Deutschland, die es tatsächlich gebe. Bei Rehen mit maximal drei Nachkommen sei die Regulierung wieder schwieriger und bedürfe großer Anstrengung der Jäger.