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Die Kammermusikalische Vereinigung Trier sagt die Konzerte 2020/21 ab

Klassische Musik : Kammerkonzerte fallen flach: „Hässliche Details“, aber keine Resignation

Die Kammermusikalische Vereinigung Trier storniert die Konzerte der nächsten Saison – und bereitet die übernächste Spielzeit vor.

Die Entscheidung kam überraschend und wirkt doch im Nachhinein konsequent. Die „Kammermusikalische Vereinigung im Städtischen Musikverein 1846 e. V.“, so der komplette Titel, hat ihr Konzertprogramm für 2020/21 abgesagt. Damit fallen in der kommenden Spielzeit fünf hoch anspruchsvolle Kulturveranstaltungen ersatzlos aus. In einem Schreiben vom 14. Juli an die Abonnenten verkünden Vorsitzender Michael Embach und Geschäftsführer Franz-Josef Kleinbauer lapidar: „Nach langem, intensiven Abwägen sowie nach vielen Gesprächen mit der ADD und den Künstleragenturen müssen wir Ihnen nun die traurige Mitteilung machen, dass wir – im Einvernehmen mit unserem Präsidenten, Herrn Oberbürgermeister Wolfram Leibe – die gesamte kommende Spielzeit absagen müssen.“

Seit Gründung der Vereinigung im Jahr 1957 und überhaupt, seit es in Trier Kammermusik gibt, hat es Derartiges nicht gegeben. Für das städtische Kulturleben fällt nun eine kleine, aber ästhetisch überragende Kultursparte ersatzlos aus, zumindest in  einer Saison.

Die Zahl der unmittelbar Betroffenen ist vergleichsweise klein. Die Auswirkungen auf das Kulturleben von Stadt und Region indes lassen sich noch gar nicht ausmachen. Anders als Theater und Orchester finanziert sich die Kammermusikalische Vereinigung aus eigener Kraft über Patronate. Sie ist eine öffentliche Einrichtung in privater Trägerschaft. Finanzieller Spielraum ist da rar. Nicht auszuschließen, dass auch andere kleine Veranstalter wie die Organisatoren der Freitagskonzerte im Bischöflichen Museum und vielleicht auch die Trierer Chöre  einen Rückzug antreten müssen.

Es sind nicht die großen Konflikte, die der Vereinigung und wohl auch weiteren Kultureinrichtungen in der Corona-Zeit die Existenz schwer machen. Selbst die Stilllegung des öffentlichen Lebens im März wäre als Einzelfall verkraftbar. Problematisch ist vielmehr, was Vereinsvorsitzender Michael Embach  die  „hässlichen Details“  nennt. Franz-Josef Kleinbauer hat dazu ein paar Beispiele parat. Nach Einhaltung der Mindestabstände bleiben von den 200 Plätzen im Kurfürstlichen Palais gerade mal 35 übrig – was Veranstalter selbst bei voller Besetzung schon nach einem Konzert in den Ruin treiben würde. Sogar wenn die Musiker ihr Programm für dasselbe Honorar zweimal spielen würden und statt 35 dann 70 Besucher in den Genuss des Konzerts kämen, wären die Veranstalter nicht aus den roten Zahlen. Voraussetzung ist ohnehin, dass sämtliche Besucher  über die gesamte Konzertlänge Schutzmasken tragen. Das Foyer im Erdgeschoss, traditionell ein Treffpunkt in der Pause,  müsste dennoch fast leer bleiben. Eine Garderobe mit entsprechendem Personal müsste her. Die Toilette wäre nur von einer Person benutzbar, weil ein zweiter Eingang fehlt. Der Aufgang zum Festsaal müsste von Anfang an geteilt werden und ist dafür zu schmal. Alle persönlichen Daten müssten erfasst werden. Kleinbauer macht auch noch auf ein weiteres Problem aufmerksam: „Wir vom Verein gehören allesamt zur Risikogruppe über 60“.

Auch die vage Aussicht auf weitere Lockerungen der strengen Corona-Bestimmungen reicht nicht aus, um ein Saisonprogramm durchzuziehen. Hinter den Klängen, die sich da im Festsaal entfalten, stehen immer Menschen. „Und wir können die Musiker nicht hinhalten und im letzten Moment dann absagen“, sagt Kleinbauer. Das wäre bei einer  Gruppe, die ohnehin schwer zu tragen hat an den Corona-Maßnahmen, einfach unfair – jedenfalls keine Option für seriöse Veranstalter. In den Trierer Kammerkonzerten  sind die meisten Interpreten freischaffend, ohne feste Anstellung. Was für sie die Corona-Krise bedeutet, lässt sich unschwer vorstellen.

Schließlich sind räumliche Alternativen zum Kurfürstlichen Palais nicht in Sicht, wobei ohnehin offen bleibt, ob sie vom Publikum angenommen würden. Konzerte draußen sind bei einem Herbst/Winter-Programm  indiskutabel, und die meisten Konzerträume sind entweder zu klein wie die Promotionsaula und  das Bischöfliche Museum oder für Kammermusik einfach nicht geeignet  wie die Europahalle oder Maximin. All das summiert sich zu einem Komplex, der nur eine Lösung offen lässt: Absagen!

Für den Vorstand der Vereinigung und Präsident Leibe ist der Ausstieg indes kein Anlass zur Resignation. Während die Abonnenten die Absage teils mit Gelassenheit und teils mit Trauer quittieren, befasst sich die Führungsspitze der Vereinigung intensiv mit Planungen für die Saison 2021/22 und damit hoffentlich nach Corona.  „Ich versuche, Kontakte zu halten und neue Verbindungen aufzubauen, sagt Franz-Josef Kleinbauer. Zum Ausgleich für die ausgefallene Saison 2020/21 sollen sechs (statt fünf) Konzerte stattfinden. Einige Veranstaltungen sind bereits verabredet. Am 6. Oktober 2021 kommt das Nodelman-Quartett,  das durch seine Spielfreude und Virtuosität bekannt wurde, und am 18. Januar 2022 spielt das Varian-Fry-Quartett, das aus Mitgliedern der Berliner Philharmoniker besteht und  benannt ist nach dem Journalisten und Freiheitskämpfer Varian Mackey Fry (1907-1967).

Außerdem könnte sich die Kammermusikalische Vereinigung auch am aktuellen Vierne-Projekt von Dom und Basilika beteiligen. Wann allerdings das Hermès-Quartett und Pianist Philippe Cassard im Palais das Klavierquintett von Louis Vierne aufführen, hängt von den künftigen Auflagen ab.

Informationen:
Kammermusikalische Vereinigung, In der Olk 22, 54317 Gusterath, Tel. 06588/7311, www.kammerkonzerte-trier.de