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Geschichte: Die Bürde mit den Ehrenbürgern

Geschichte : Die Bürde mit den Ehrenbürgern

Adolf Hitler ist 1933 zum Ehrenbürger Thalfangs ernannt worden. Die Ortsgemeinde will den damaligen Beschluss des Gemeinderats jetzt formal aufheben.

Die Ortsgemeinde Thalfang stellt sich ihrer historischen Verantwortung. So sind vor Thalfanger Häusern sogenannte Stolpersteine in die Erde eingelassen, die an jüdische Einwohner erinnern, die während des Dritten Reiches zu Tode gekommen sind. Teile des jüdischen Friedhofs sind noch vorhanden. Nach dem in Thalfang geborenen jüdischen Rabbiner Samuel Hirsch ist ein Platz benannt. Und am Ort der ehemaligen Synagoge erinnert eine Gedenktafel an das nicht mehr vorhandene Versammlungshaus der jüdischen Gemeinde.

Jetzt will Ortsbürgermeister Burkhard Graul die nächste Etappe der Vergangenheitsaufarbeitung angehen. Denn am 15. April 1933 hatte der Gemeinderat Thalfang beschlossen, sowohl dem neu ernannten Reichskanzler Adolf Hitler, als auch dem damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die Ehrenbürgerschaft anzubieten. Zwar erlischt eine Ehrenbürgerschaft laut dem rheinland-pfälzischen Kommunalbrevier mit dem Tode, sagen übereinstimmend die Kreisverwaltung und  das Mainzer Innenministerium. Doch trotzdem will der Ortsbürgermeister die Ehrenbürgerschaften der beiden Personen durch formellen Beschluss des Gemeinderats aufheben. „Für mich ist das der gewiesene Weg“, sagt er. Der Punkt soll in der kommenden Gemeinderatssitzung, deren Termin noch nicht feststeht, behandelt werden.

Der Thalfanger Heimatforscher Reinhold Anton ist auf die Ehrenbürgerschaft Hitlers und Hindenburgs gestoßen, als er im Beschlussbuch der Ortsgemeinde von 1925 bis 1952, wo alle Beschlüsse des Gemeinderats während dieser Zeit dokumentiert sind, nach Entscheidungen gesucht hat, in denen die Umgestaltung des Villeneuver Platzes behandelt wurde. Dieser Platz hieß während des dritten Reichs auch Adolf-Hitler-Platz. Die heutige Thalfanger Saarstraße trug in dieser Zeit den Namen Hindenburgstraße. Beide Namen wurden direkt nach Kriegende geändert. Bei diesen Recherchen ist Anton auf die Ehrenbürgerschaften Hitlers und Hindenburgs gestoßen und hat den Ortsbürgermeister darüber informiert.

Ob die beiden Geehrten die Auszeichnung annahmen, ist im Beschlussbuch nicht mehr vermerkt, sagt Anton. Mit hoher Wahrscheinlichkeit spreche aber dafür, dass der Gemeinderat am 18. Mai 1933 einen Beschluss fasste, in dem der damalige Bürgermeister beauftragt worden war, die Verhandlungen wegen Anfertigung der Ehrenurkunden zu führen und das Ergebnis dem Gemeinderat vorzulegen. Die Aberkennung der Ehrenbürgerschaften, so Anton, „ist ein wichtiges Signal mit Symbolcharakter in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus, dem Rassismus und dem Antisemitismus als wichtige Daueraufgabe aller Demokraten.“

Die Passage aus dem Beschlussbuch der Gemeinde Thalfang von 1933, wonach Adolf Hitler und Paul von Hindenburg die Ehrenbürgerschaft angeboten werden soll: „Außerhalb der Tagesordnung wird mit allen Stimmen beschlossen, den Herrn Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und den Reichskanzler Adolf Hitler zu bitten, das Ehrenbürgerrecht für die Gemeinde Thalfang anzunehmen.“. Foto: Christoph Strouvelle

Die Verleihung von Ehrenbürgerschaften für Hitler und andere Machthaber des NS-Regimes waren 1933 nicht ungewöhnlich. Im Internetlexikon Wikipedia ist die Rede von 4000 Städten, in denen Hitler damals zum Ehrenbürger ernannt wurde. Dittmar Lauer aus Kell vom kulturgeschichtlichen Verein Hochwald nennt in der Region weitere Ortschaften, wie Bernkastel-Kues, Hermeskeil, Trier, Speicher, Zeltingen-Rachtig, Perl und Saarburg, die dem damaligen Reichskanzler 1933 die Ehrenbürgerschaft andienten. Formal beendet haben dies zum Beispiel Hermeskeil im Dezember 2019, Speicher (Eifelkreis Bitburg-Prüm, 2014) und Trier (2010). Im Landkreis Bernkastel-Wittlich hat Bernkastel-Kues die Ehrenbürgerschaft Hitlers vor einigen Jahren ebenfalls durch einen Beschluss des Stadtrats formal aufgehoben, sagt Stadtbürgermeister Wolfgang Port. Wie Zeltingen-Rachtig sich verhält, ist unklar. Ortsbürgermeisterin Bianca Waters hatte bisher keine Kenntnis von einer Ehrenbürgerschaft Hitlers in der Moselgemeinde.