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Gesellschaft: Semantischer Blödsinn

Gesellschaft : Semantischer Blödsinn

Zum Artikel „Wie viele Rheinland-Pfälzer auf ein Spenderorgan warten“ (TV vom 7. November) schreibt Michael Rost:

Die Tage war mal wieder eine kleine Meldung, veranlasst durch die Techniker-Krankenkasse, es gäbe zu wenige Organspender. In völlig anderem Zusammenhang erfolgte eine Information über den Rückgang der Zahl der Verkehrstoten. Zum einen nervt mich die Formulierung „wir brauchen mehr Organspender“. Dies ist semantisch ein völliger Blödsinn. „Spenden“ ist ein transitives Verb, das ein aktives Handeln voraussetzt.

Im Zusammenhang mit Organen kann es sich dann lediglich um eine Lebendspende handeln, ich gebe aus meinem Besitz etwas her. Das andere ist die Bereitschaft, im Todesfall einer Organentnahme zuzustimmen. Dummerweise hat sich dafür der Terminus „Organspende“ eingebürgert.

Man kann durch entsprechende PR-Maßnahmen, Aufklärung et cetera die Bereitschaft, im Todesfall Organe zur Verfügung zu geben, ausgedrückt durch Ausfüllen eines „Organspendeausweises“, erhöhen. Nur, mit einem „Spenderausweis“ steht nicht bereits ein Organ zur Verfügung. Der Träger muss zuerst sterben! Und das will wiederum keiner.

Seit Jahrzehnten werden Anstrengungen unternommen, die Zahl der Unfälle zu reduzieren: der Sicherheitsgurt in den 60ern, der Airbag in den 80ern, die Helm­pflicht (auch für Fahrradfahrer), alle möglichen Fahrsicherheitssysteme und so weiter. Auch die Berufsgenossenschaften sind sehr aktiv in der Verhütung von Arbeitsunfällen. Den Unfallstatistiken zufolge durchaus erfolgreich: allein in den letzten 20 Jahren ein Rückgang der Verkehrstoten um circa 60 Prozent.

Da muss man sich doch fragen: Was wollen wir eigentlich? Mehr „Spenderorgane“ oder weniger Unfalltote? Sicherlich – es ist eine tolle Leistung, was die Transplantationsmedizin im Laufe der Jahrzehnte alles ermöglicht hat; und es ist menschlich verständlich, wenn dadurch bei vielen Erwartungen geweckt wurden.

Nur es gibt halt leider kein „Ersatzteillager“, aus dem man sich bedienen kann.

Um einem Schicksal zu helfen, muss sich immer noch erst ein anderes Schicksal ergeben – und das sollten wir keineswegs vergessen. So gesehen verbinde ich mit den „Forderungen zur Erhöhung der Spendenbereitschaft“ einen unangenehmen Beigeschmack.

Michael Rost, Chirurg i.R., Sirzenich