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Ukrainerin aus Nittel organisiert Transport in ihre Heimat

Hilfstransport aus Nittel : Mit Hymne und Tränen: Ukrainerin aus Nittel organisiert Transport in ihre Heimat (Video/Fotos)

Hilfstransport startet von Nittel aus in die Ukraine

Katharina Kulagina, ihre Familie und etliche freiwillige Helfer haben in Nittel einen schweren Lastwagen mit Hilfsgütern bestückt. Diese sind jetzt auf dem Weg nach Luzk, wo sie dringend gebraucht werden. Wie die Nothilfe zustande gekommen ist.

Donnerstagabend, es ist geschafft. Eine internationale Gruppe von Menschen aus Nittel, Luxemburg, anderen Obermosel-Orten und Trier hat es geschafft. Der Laster mit einer Hilfslieferung für die Ukraine ist fertig gepackt. Etwa zehn der Helfer stammen aus der Ukraine. Sie stehen vor dem Anhänger und singen nach getaner Arbeit stolz ihre Nationalhymne. „Slawa Ukrajini“, rufen sie. Übersetzt heißt das: Ruhm der Ukraine. Teilweise fließen Tränen wegen der schlimmen Situation in dem Land, das die Truppen des russischen Präsidenten mit einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg überziehen.

Die Initiatorin des Hilfsprojekts, Katharina Kulagina, sagt: „Wir haben die Nationalhymne gesungen und geweint.“ Die 33-Jährige lebt seit 17 Jahren in Nittel. Mit Menschen aus mehr als 100 Nationen ist wohl eines der internationalsten Dörfer in der Region. Und die haben bei der Hilfsaktion gezeigt, wie Europa und die Welt zusammenhalten, um den notleidenden Menschen in der Ukraine zu helfen.

Kulaginas eigenes Leben zeigt, wie eng verwoben Russland und die Ukraine eigentlich sind. Die 33-Jährige wurde in Russland geboren. Mit vier Jahren ist ihre Familie in die Ukraine ausgewandert. Aufgewachsen ist sie in Luzk. Dort und in anderen ukrainischen Städten hat sie immer noch viele Freunde und Familie. Dass die russische Armee nun angreift, ist für sie unverständlich – gerade aufgrund der engen Beziehungen der Länder zueinander. 

Die ukrainischen Freunde von Kulagina sind teils auf der Flucht – vor allem Frauen und Kinder. „Meine Mutter hat mich am Donnerstagmorgen angerufen: Katja unsere Stadt wird bombardiert“, erzählt Kulagina. „Ich stand unter Schock.“ Die russische Luftwaffe habe den Flughafen von Luzk zerstört. Ihre Mutter sei inzwischen nach Nittel geflohen. Auch ihre Cousine sei mit zwei Kindern geflohen.

Andere Freunde verharren seit Tagen in Kellern und U-Bahnstationen. Eine Freundin sitze seit dem ersten Kriegstag in der Kiewer Metro. Am 3. März habe sie dort Geburtstag gefeiert. Viele Männer blieben im Land, um zu kämpfen. „Die Menschen glauben an die Ukraine und die Armee“, sagt sie mit Stolz und Traurigkeit gleichermaßen. Sie kenne keinen, der aufgebe und einfach nur weine.

Das ist auch der Grund, warum Kulagina in Nittel den Hilfsaufruf über Facebook gestartet hat. Und von der Resonanz ist sie überwältigt. Erst wollte sie nur einen VW-Transporter mit Hilfsgütern losschicken. Dann sei ein LKW-Fahrer aus ihrer ukrainischen Heimatstadt aus Frankreich mit einem leeren Hänger an die Obermosel gekommen. Der Fahrer sei drei Tage dort geblieben, bis der Hänger beladen gewesen sei. Die Hilfsaktion wurde größer und größer. 

Kulagina sieht sich als eine Art „Projektleiterin“. Ihre Cousine und ihre Mutter hätten die Helfer aus Nittel, Trier, Luxemburg – darunter Bulgaren, Polen, Deutsche, Luxemburger und andere Nationalitäten – beim Ordnen und Verladen der Sachen koordiniert. Sie habe etliche Telefonate angenommen und Einkäufe erledigt. Mitarbeiter von Nitteler Weingütern hätten mit Gabelstaplern geholfen. Ein Baumarkt habe Kartons gespendet. Kitas aus Nittel und Trier hätten Beiträge geleistet. Es seien auch Medikamente aus Frankreich geschickt worden. Und etliche Privatpersonen hätten Bargeld gespendet oder per Paypal Geld an Kulagina überwiesen. „Die Hilfe ist unglaublich groß, die kann ich gar nicht beschreiben“, sagt Kulagina.

Mit dem Bargeld habe sie nicht nur Medikamente und Pampers gekauft. Bei einem Baumarkt habe sie den Vorrat an Stirnlampen aufgekauft. Sie sei auch in Trier zu einem Army Store gegangen. Dort habe sie alle Jacken und Schuhe in verschiedenen Größen gekauft. Der Eigentümer habe noch gebrauchte Jacken draufgelegt und gespendet. Eine ältere Dame habe ihr 200 Euro in die Hand gedrückt, mit denen sie Schlafsäcke gekauft habe. 

Die Helfer in Nittel haben alles geordnet und beschriftet – in Deutsch und Ukrainisch. Jetzt sind die Hilfsgüter auf dem rund 1650 Kilometer langen Weg nach Luzk, zur Heimatstadt des LKW-Fahrers und der Nittelerin. „Ich bin stolz, wie wir das hinbekommen haben“, sagt sie.

Gebraucht würden laut ihren ukrainischen Freunden aber noch weitere Güter. 50 Wärmebildkameras zum Beispiel, die kosten allerdings 2000 Euro das Stück. Auch schwere Generatoren, die Strom erzeugen könnten, die etwa 400 Euro das Stück kosten, würden in Luzk gebraucht – Helme sowieso. Aber diese könnten Privatpersonen ohnehin nicht spenden.